Viel früher, in meinen ersten Therapiesitzungen, in denen ich ziemlich verstockt gewesen bin, habe ich widerwillig und einsilbig von meiner Vergangenheit und Kindheit erzählt. Didions Therapeut hätte mich gefragt, oder er hätte vielmehr unterstellt, dass ich den herannahenden Tod meines Vater viel früher gespürt haben muss. Nicht erst an diesem Morgen an dem ich, 5 Jahre alt, im Bett meiner Eltern liegend, hörte wie meine Mutter immer wieder diesen Satz aussprach: Klaus ist tot. Wie ich dann als ich aufgestanden war gefragt hatte: Wie geht es Papa? Und sie geantwortet hatte: Papa ist tot. Ich habe keine Erinnerungen daran, werde ich gesagt haben und würde es auch heute sagen. Ich weiß nur, dass ich jahrzehntelang ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich doch gehört hatte, wie sie am Telefon davon gesprochen hatte, dass mein Vater tot ist, und ich – mich unwissend gebend – dennoch gefragt hatte, wie es meinem Vater ging. Ich hatte tatsächlich erst als ich diese Begebenheit einer Freundin erzählt hatte, verstanden, dass es nichts gab, wofür ich mich schämen musste, dass vielmehr ich diejenige war, der Unrecht geschehen war, die nicht die Zuwendung bekommen hatte, die sie gebraucht hätte, als fünfjähriges Kind, das den Tod doch vermutlich noch gar nicht ganz erfassen und bestimmt nicht einfach so verarbeiten konnte. Und vielleicht hätte ich irgendwann mit meiner Mutter darüber reden können, vielleicht hätten wir uns auf heilsame Art und Weise darüber austauschen können, wie es uns damals ging, was wir gerne anders erlebt oder gemacht hätten. Aber dazu kam es nie. Denn meine Mutter starb zu früh um diese Art Gespräche zu führen.
@muetzenfalterin
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr wir, als wir Kinder waren, die Verantwortung der Erwachsenen auf unsere Schultern laden.
Wie gut, dass du heute mit dem Kind, das du warst, Mitgefühl haben und es von vermeintlicher Schuld freisprechen kannst.
Wie wichtig und heilsam solche Erkenntnisse doch sind und wie weitreichend.
Remote-Antwort
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