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Es ist ein wenig sonderbar, mir jetzt, auf den letzten noch vor mir liegenden Lebenswegmetern, selbst auf die Spur zu kommen. Als wäre es logisch und folgerichtig, dass ich mich im Studium ganz besonders auf diese Theorie der Konstruktion gesellschaftlichen Verhaltens konzentriert habe. Denn das betraf mich lebensgeschichtlich mehr als alle anderen Theorien. Und es ist Fluch und Segen zugleich. Wenn ich die Konstruktion hinter der angeblichen Realität und Unabwendbarkeit und Zweifellosigkeit bestimmter Zustände und Denkgebäude aufdecke, öffnen sich Handlungsmöglichkeiten. Anderes steht wiederum in Frage. Das angeblich Selbstverständliche wird als Geschichte entlarvt, die auch ganz anders erzählt werden kann.

Statt Hoffnung lehrten mich Therapeut:innen eine Frage: „Was kann ich jetzt tun, damit es mir besser geht?“ Drei Worte, die alles ändern: ICH (nicht andere). JETZT (nicht später). TUN (nicht hoffen).“ schreibt Martin Gommel in Krautreporter. „Die Unaussprechlichkeit des Menschen“, lese ich bei Földenyi.

Ich notiere diese beiden Zitate hintereinander. Warum? Denke ich, dass sie etwas miteinander zu tun haben? Oder einander widersprechen? Haben sie letztendlich sogar mit dieser Sache mit der Konstruktion der Wirklichkeit zu tun? Hoffnung halte ich dennoch für schön und notwendig. Aber es gibt manchmal Verwechslungen, man spricht von Hoffnung und meint eigentlich Erwartung. Ohne Hoffnung kann man nicht leben. Die Erwartungen kann man aber überdenken und ihnen dann lieber ein besonnenes Handeln, eine heilende Selbstermächtigung entgegen setzen. Fürsorge für sich selbst. Und vielleicht sogar die Frage, ob ich mir nicht selbst geben kann, was ich von anderen erwarte. Weil ich mich damit ein Stück weit von Erwartungen die vermutlich enttäuscht werden, entferne und den Menschen bedürfnis- und vor allem erwartungsloser begegnen kann. Plötzlich wird vieles leichter, herzlicher und freundlicher. Vielleicht ist das ein Teil der Unaussprechlichkeit des Menschen. Wir können die anderen nicht ändern, aber unsere Haltung. Wir können die Unaussprechlichkeit von uns und anderen immer wieder mit Erwartungen überschreiben, um enttäuscht zu werden. Oder wir versuchen ein Stück weit zu durchschauen, dass es nur Überschreibungen sind, dass wir den Text anders formulieren können, oder – viel besser noch – den anderen als weißes Blatt betrachten, uns überraschen lassen oder langweilen. Ohne Erwartungen ist weder das eine noch das andere eine Enttäuschung, sondern nur eine Erfahrung, die wir machen. An dieser Hoffnung halte ich fest.

 

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