Es stehen noch andere weitreichende Sätze in diesen Notizen für John, die ich wie Notizen für Elke lese. Zum Beispiel steht dort: „Das schien eines der zentralen Versprechen zu sein, wenn man ein Kind adoptierte: Man befreit das Kind von seiner oder ihrer Vergangenheit.“ Wir befinden uns im Jahr 2000 als dieser Satz von einem Therapeuten ausgesprochen wird, der angibt selbst Erfahrung mit Adopiton zu haben. Eines seiner Enkel sei ein adoptiertes Kind. Natürlich sagt er diesen Satz, der in solchen Fällen immer gesagt wird: Ich vergesse, dass sie adoptiert ist. Sie ist einfach meine Enkelin. Offenbar hat seit dem Prinzip des „also ob“, das in den 70er und auch noch in den 80er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts „normal“ war, nicht viel Reflexion stattgefunden. Man befreit das Kind von seiner Vergangenheit? Von einer Vergangenheit, von der das Kind nichts weiß, von der die Eltern aber vielleicht wenigstens einen gewissen Teil wissen, den sie dem Kind verheimlichen, um es zu beschützen?! Beschützen durch Verheimlichen. Beschützen in dem das Kind allein damit zurecht kommen muss, dass da immer wieder dieses Gefühl des Fremdseins ist, das Gefühl, das etwas nicht stimmt und fehlt. Das Gefühl einer großen Lücke, die aufgrund selbsternannter Experten besser leer bleibt. Um das Kind vor seiner Vergangenheit zu beschützen. Meiner Mutter, denke ich, hätte es gefallen das zu lesen. Siehst du, könnte sie gedacht haben, ich habe es doch nur gut gemeint und selbst so kluge Leute wie Psychotherapeuten sind der Meinung, dass du befreit werden musstest von deiner Vergangenheit. Noch ein Gespräch, das nie stattgefunden hat, nicht stattfinden konnte. Und alle Alternativen sind schale Möglichkeiten: das Gespräch mit meiner Therapeutin führen, mir das Gespräch ausdenken.