Lesetagebuch „Eine Familie in Brüssel“ – Chantal Akerman

Chantal Akerman schreibt ein Buch über ihre Mutter, indem sie ihre Mutter sprechen lässt. Das ist unglaublich berührend. Es ist stilistisch groß, wie es nicht anders zu erwarten war von einem Text dieser außergewöhnlichen Frau, aber es ist auch von einer überwältigenden Ohnmacht, einer melancholischen Zärtlichkeit. Dieses Buch ist nicht allein die Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrer Mutter, der Versuch ihr Leben zu ergründen, sondern darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit Krankheit, Einsamkeit, Sterblichkeit. Im Radio wurde diese Passage vorgelesen und hat dafür gesorgt, dass ich das Buch sofort haben musste:

Manchmal sagte er trotzdem wenn er mich lange angesehen hatte und ich ihn fragte warum siehst du mich so lange an dann sagte er du siehst schlecht aus und dann musste ich eine Entschuldigung finden und dann schminkte ich mich noch stärker damit er nicht sah dass ich schlecht aussah denn er hatte so schon genug Sorgen. Er schlief nachts aber er wachte sehr früh auf um vier Uhr früh ich spürte es sofort und wachte auch auf und ich sagte was ist los und ich sah Tränen in seinen Augen und er sagte nichts und ich sagte ich sehe dass etwas ist und dann kämpfte er darum einen Satz zu sagen und obwohl seine Sätze immer unverständlicher wurden verstand ich dass er etwas sagte wie ich werde sterben aber das sagte er nicht auf Französisch sondern in unserer Sprache und das versetzte mir einen Stich ins Herz und ich sagte sag das nicht sag mir das nicht ich sagte auch das stimmt nicht und dann sah er mich ungläubig an. Und ich ging ein Beruhigungsmittel suchen und legte es ihm unter die Zunge damit es schneller wirkt wie mir meine Tochter aus Ménilmontant geraten hatte und manchmal schlief er wieder ein manchmal nicht auf jeden Fall weinte er weniger und sagte nicht mehr diesen Satz und auf jeden Fall konnte ich nicht mehr einschlafen und am Morgen sah ich wieder schlecht aus.“

Alles was es über diese Passage zu sagen gibt, steht in dieser Passage. Jede Erklärung, Erläuterung, würde sie zerstören.

Aber ich kann erzählen, dass ich sofort an meine Großmutter denken musste. Daran wie viel liebloser ihr Verhältnis gewesen sein muss. Dass ich daran denken muss, wie ich vor Jahren meine Tante gefragt habe: Aber es muss doch aufgefallen sein, dass das Wasser in ihren Beinen immer schlimmer wurde, dass es lebensgefährlich war. Und wie sie antwortete: Ja, natürlich wussten wir das. Anfangs haben wir noch auf sie eingeredet, dass sie zum Arzt gehen muss, dass sie die Tabletten nehmen muss. Dann haben wir aufgegeben.

Meine Großmutter starb während ihr Mann wieder einmal in der Weltgeschichte heraumreiste, auf der Toilette. Ihre Tochter war bei ihr, aber der Rettungsdienst, den sie rief, konnte nichts mehr ausrichten. Ich erinnere mich, wie die ganze Familie sich im Wohnzimmer meiner Großeltern versammelte, ihre Tochter war da, ihre Schwiegertochter, ihr Sohn, ihre Enkel. Nur mein Großvater nicht.

3 Gedanken zu „Lesetagebuch „Eine Familie in Brüssel“ – Chantal Akerman

  1. @muetzenfalterin Ich bin froh, dass wir lernen, zu sagen, wenn es uns schlecht geht. Uns und unseren Schmerz andern zuzumuten. Das ist der erste Gedanke, der mir beim Lesen deines Textes und Zitats kam. Wie froh ich darüber bin. Es ist ein not-wendendes Ventil, es auszudrücken. Ausdruck als Heilweg.

  2. Mich berührt dieser Text auch sehr. ( so sehr, dass ich mir das Buch bestellt habe.)
    Du gehst mit deinen Zeilen in das Epizentrum des Schmerzes, das aber so feinfühlig, fragend, umschreibend ins Poetische transformieren..

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