Irgendwann als die Kinder längst aufgehört hatten mit Playmobil zu spielen, habe ich einige der Figuren herausgefischt und ins Regal gestellt. Genau vier Figuren, drei Männer und eine Frau. Dass das Ganze eine Art Familienaufstellung ist, wurde mir erst später klar. Jetzt sind sie vom Regal auf meine Fensterbank umgezogen. Sehe ich vom Schreibtisch aus nach draußen, streift mein Blick die kleine Familie. Die einzige Frau sitzt auf dem Boden und die Männer stehen um sie herum, zwei scheinen sie fordernd anzusehen, einer steht hinter ihr, in ihrem Rücken.
Ich weiß noch, dass ich vor einigen Tagen die Frauenfigur bewusst hingesetzt habe, sie hatte einfach keine Kraft mehr aufrecht zu stehen. Vieles an der Aufstellung geschieht aber unbewusst.
Einmal habe ich an einer lebendigen Familienaufstellung teilgenommen. Ich kann mich nicht erinnern, in welchem Rahmen ich die Frau kennen gelernt habe, die mich dazu einlud. Es fehlte noch ein Stellvertreter und sie fragte, ob ich nicht Lust hätte das zu machen. Und ich sagte zu und ging hin. Und dann waren wir da in einem schönen Raum in einem schönen Altbaugebäude und ich machte diese Erfahrung, dass es wirklich möglich ist, sich in eine Person hineinzuversetzen, als diese Person zu agieren, ohne irgendjemanden zu kennen, weder die Person deren Stellvertreter man ist, noch irgendeine der anderen Personen. Ich weiß noch wie unheimlich das war und wie ich gleichzeitig ganz selbstverständlich wusste, was ich sagen, wie ich handeln muss. Wie danach alle noch zusammensaßen und über das Erlebnis sprachen. Wie es kurz weh getan hat, dass niemand mit mir sprach. Wie ich dann gegangen bin und dachte: Jetzt habe ich das also auch einmal erlebt. Wie ich in den nächsten Supermarkt ging, um mir etwas zu kaufen. Weil ich das so gelernt habe, dass Dinge mich trösten können. Wenn die Menschen es nicht wollen, können mich für ein paar Euro irgendwelche Dinge trösten, ein Brötchen, ein Eis. Und als ich dann zu Hause ankam, um über das Erlebnis reden zu können, war alles schon so seltsam verklebt, die Trauer, das Gefühl versagt zu haben, all das lag längst über der Aufregung und Freude über eine ganz neue Erfahrung und auch über dem Stolz, dass ich das einfach so gemacht hatte. Und so geriet es in Vergessenheit. Bis jetzt, da ich versuche Bruchstücke davon aufzuschreiben. Vielleicht war diese Erfahrung sogar der Grund, warum ich diese Playmobil-Familienaufstellung habe. Die meisten Dinge scheinen unbewusst zu geschehen und ich weiß nicht, ob es gut ist alles davon zu durchdringen, alles verstehen zu wollen. Vielleicht ist es ja auch ganz schön, das da etwas, das ich nicht verstehe, für mich sorgt, mir Hinweise gibt, von denen ich immer nur so viel realisiere, wie ich es gerade für machbar halte.
@muetzenfalterin Da sagst du etwas Wichtiges. Vielleicht sollten wir der Intuition wieder mehr trauen, also, dass nicht immer alles verstanden werden muss, um zu wirken. Deine vier Figuren begleiten dich vielleicht weiterhin durch deine Lebensphasen …
Danke für diese Inspiration.
Remote-Antwort
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Das mit dem Familienaufstellen muss eine besondere Sache sein. Vermutlich weil es Unbewusstes ins Licht bringt.
Dein Bild mit den Playmobil Figuren war sehr einprägsam. Die Mutter, die erschöpft, nicht mehr kann.
Ich erlebte einmal eine Aufstellung mit Holzfiguren, das war auch sehr eindrücklich. Danke für das Teilen. Ich beginne zu begreifen, warum mich deine Texte so bewegen. Deine Sprache ist so fein, fragend, offene lassend und immer geht es über das Persönliche hinaus. ( habe heute in Sansibar gelesen) auch das erwischt mich jedesmal