Die Menschen interessieren sich für mich, wenn sie sich etwas von mir versprechen, eine Dienstleistung, eine Rezension, irgendeine Art von Unterstützung für ihr bahnbrechendes Werk. Es gab auch andere Phasen, aber jetzt ist es gerade so. Es stört mich ein wenig. Es lässt die Menschen, die mich zu benutzen versuchen ein wenig in meiner Achtung sinken. Es bestärkt mich darin, lieber diejenigen zu unterstützen, die still sind, die solche Offensiven nicht wagen. Es ist ja nicht verwerflich, sich selbst ins Gespräch zu bringen, aber mir persönlich ist das sehr fremd, es ist mir dermaßen unangenehm, dass ich es tatsächlich nur ein, zwei Mal mit sehr mäßigem Erfolg getan habe. Letztendlich entscheidet aber ohnehin meine Begeisterung für ein Werk. Aber es gibt Nebenschauplätze.
Schon am frühen Morgen Lichtflecken im Garten, der im übrigen im Schatten liegt. Die Vögel zwitschern, es weht ein leichter, noch angenehm kühler Wind.
In meinem alten Zimmer, dem das sehr klein war und zur Straße raus ging, das ohne Sicht auf den Magnolienbaum, in diesem Zimmer lag ein dickes etymologisches Wörterbuch auf der Fensterbank, sein ursprünglich blauer Umschlag war schon völlig verblasst von der Sonne. In diesem alten Zimmer würde ich jetzt in dem alten Buch nachsehen welchen etymologischen Ursprung das Wort Enttäuschung hat. Denn gerade sind Enttäuschungen ein großes Thema in meinem Leben. Ich reihe Enttäuschung an Enttäuschung. Vielleicht ist es so, wenn man sich damit beschäftigt, wie sehr man getäuscht worden ist, vielleicht wird der Blick dann aufmerksamer, man sieht genauer hin und entdeckt, in welchen Bereichen man noch immer wegsieht. Um wohin zu sehen? In eine strahlende Zukunft vielleicht, oder einfach nur auf den eigenen Bauchnabel.
Die schwerwiegenste Enttäuschung, die ich gerade erlebe, ist sehr persönlich und schmerzhaft. Und gleichzeitig geht mit ihr eine Erleichterung einher (denn es ist anstrengend, sich über lange Zeiträume hinweg täuschen zu lassen, die Bereitschaft nicht zu genau hinzusehen, aufrechtzuerhalten, Auseinandersetzungen zu vermeiden, Fragen nicht zu stellen). Eine Erleichterung und eine Möglichkeit, die Ähnlichkeit mit den Lichtflecken auf den Blättern des Magnolienbaums hat. Zart und flüchtig, flatterhaft aber wachsend. Ein Anfang für den das Ende der Täuschung notwendig war. Beziehungen können neu bewertet werden, ebenso das eigene Verhalten. So kann das Ende der Täuschung eine Chance für Einblicke sein, für tiefgreifende Veränderungen. Das klingt hoffnungsvoller als es sich gerade anfühlt, und ist doch genau das, was ich glaube.
@muetzenfalterin Ich sehe es genau so mit den Enttäuschungen. Dass sie uns eine neue Perspektive erlauben, eine, die wir ohne sie nie gefunden hätten allerdings, eine, die uns über Schmerzen erreicht.
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Ich mag das Wort „Ent-täuschung“. Man wurde oder hat sich selbst lange getäuscht, dann öffnet man oder etwas öffnet einem die Augen, und man ist ent-täuscht. Aber auch wenn ich das Wort mag, das Geschehen ist schmerzhaft, und ich wünsche Dir, dass der Schmerz bald vergeht.
ja, das geht mir ebenso. Ich mag dieses Wort auch. Ich finde es sehr klug. Es ist eines dieser Worte, die mir beweisen, dass die Sprache häufig klüger ist als ihre Sprecher: innen. Und danke für die guten Wünsche. Der Schmerz gehört ja dazu, und dieser ist ein guter, weil heilsamer, Veränderung ermöglichender Schmerz.
Danke für diesen feinen und ehrlichen Text. Er hat mich sehr berührt und inspiriert
Es sind keine einfachen Themen, von denen du schreibst. Es ist persönlich, geht in die Tiefe und immer über das Persönliche hinaus ins Poetische. Das bewundere ich sehr.
Ich glaube ja, dass wir immer nur das in einem Text sehen und lesen, was wir in uns selbst haben. Also geht dieses Kompliment, was du mir machst an dich zurück. Ich freue mich übrigens sehr, dass du meine Texte so lesen kannst. Danke für die Rückmeldung.
enttäuschung … ja, da assoziiere i immer auch entkleidung … ein „falsches“, nicht passendes, vielleicht zu enges, zu kurzes, zu missfarbenes kleid ausziehen, abstreifen, weglegen … u i fühle fast körperlich, wie gut diese art von enttäuschung tut, i atme auf – kann sein, dass die ersten freien tiefen atemzüge weg tun, aber zugleich fühle i die köstlichkeit des freieren atmens – so auch, wenn der atem nach heftigem weinen sich wieder erholt, ruhiger wird …
(ach, i hoffe, dass i nun nicht zu weitschweifig war … liebe grüße aus dem allgäu!)
„weh“ tun, nicht „weg“ tun …
Das Bild mit dem Kleid gefällt mir, eine Verkleidung, die einengt, die aber trotzdem doch einmal passend gewesen ist, in der man sich wohlgefühlt hat, und die man darum nicht gleich loslassen kann, obwohl es kneift und zwickt, obwohl es die Bewegungsfreiheit einschränkt und einfach nicht mehr passt. Das neue Ich, das noch so sehr am alten Kleidungsstück festhält, als wollte es die Zeit anhalten, als wollte es zurück in einen Körper, der längst vergangen ist.
Viele Grüße zurück!