Noch gestern Abend, nachdem ich die Lektüre von Achill beendet hatte, habe ich angefangen Yoko Tawadas „Portrait eines Kreisels“ zu lesen. Wie alle (oder jedenfalls die meisten ihrer Bücher) im Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke erschienen.
„Ein Gedicht ist ein Windstoß und die zweite Hälfte gehört der Leserin“, (Ilse Aichinger) lese ich auf dem Klappentext. Und ich lese das wie eine Fortsetzung der schönen Zitate, die belegen, dass wirklich niemals zwei Menschen dasselbe Buch lesen, aber auch, dass ein Text um zu leben Leser:innen braucht.
Das erste Kapitel heißt: „Lyrikübersetzung als Naturprojekt“. Es geht hier um vereinzelte Gedichte, die Yoko Tawada aus dem „Kokinwakashu“ übersetzt hat. Einer mittelalterlichen japanischen Gedichtsammlung. Viele der Gedichte, die von unterschiedlichen Dichtern stammen, variieren eines der bereits vorhandenen Gedichte. Yoko Tawada schreibt dazu: „Wie wäre es, jede Variation als einen Stern zu betrachten. Wird eine Linie zwischen mehreren Sternen gezogen, entsteht ein Sernbild. […] einige Sternbilder, die ich erkannte, notierte ich am Fuß der hohen Gebirge der Philologie.“
Einer dieser Sterne, der Teil eines Sternbilds ist, lautet folgendermaßen:
„Das Frühlingslicht
scheint auf mich
Traurig ist nur
der Schnee
meiner Haare“
Aber ebenso schön und geistreich und voller Gedankenanstöße, sind die Kommentare, die Tawada jeweils zu den Gedichten notiert.
Ein Grund mehr darüber nachzudenken, was ich für die letzte Lebensettappe will. Noch einmal etwas wagen? Oder behäbig aber unglücklich in der Sicherheit sitzen bleiben? Die Antwort scheint leicht. Das Problem ist nur, dass ich mir nicht wirklich traue. Um so treffende Gedanken wie in diesem Buch, das ich gerade lese, in einer derart kurzen Form festzuhalten, braucht es viel Zeit und Nachdenken. Es wäre schön, die zu haben. Andererseits ist es nie gut, nur im eigenen Saft zu schmoren. Wie immer geht es um die Balance, um eine gute angemessene Art von Gleichgewicht.
Ich bin normalerweise überfordert, wenn ich Entscheidungen treffen soll.
Die allerwichtigste Grundlage, um überhaupt etwas zustande zu bringen, und um aufrecht zu leben, ist sich ernst zu nehmen. Damit fängt es an. Daran sollte ich zuallererst arbeiten, der Rest wird sich dann (wie von selbst) ergeben.
Übrigens folgen die Gedichte jeweils einer Jahreszeit. Das oben zitierte gehört (fast überflüssig, es zu erwähnen) zum Frühling.