Karfreitag. Der Himmel bleibt grau. Regen. Keine Spur von Frühling. Aber lesend durchstreife ich dank Yoko Tawada Sommer, Herbst und Winter.
Der Übergang zwischen Sommer und Herbst klingt in Tawadas Übersetzung so:
„Im Korridor des Himmels
gehen der Sommer und der
Herbst aneinander vorbei
Eine kühle Brise
weht in eine Richtung“
In ihren Anmerkungen schreibt Tawada dazu: „Wenn die Augen noch im Sommer bleiben, während die Ohren schon im Herbst angekommen sind, kann der Mensch nur durch Dichtung seine einheitliche Existenz wiederherstellen.“
In diesem Wintergedicht finde ich mich auf mindestens zwei Arten wieder:
„Das Jahr das am Anfang einem
ungeschliffenen Edelstein glich
veraltet sich bei jedem Schnee
wie der Gedanke der mich überfällt
dass mein Leben bald verfällt“
Für mich ist der Januar spätestens seit der Geburt meines ersten Kindes ein weißes Blatt Papier. Alles ist möglich. Ich mag diesen Monat besonders wenn er sehr kalt und schneereich ist. Den Schnee in den letzten Monaten des Jahres empfinde ich als grauer, verbrauchter, ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll. Vielleicht genau mit diesem „veraltet“ aus dem Gedicht. Und jedes Jahr das zu Ende geht ist ein Jahr weniger, das mir noch bevorsteht. Manchmal bin ich einverstanden mit diesem Gedanken. Manchmal macht er mir nach wie vor Angst.
Wunderschön auch dieses Gedicht, ebenfalls zu Winter und Vergänglichkeit:
„Ich trauere um das Jahr
das fortgeht
In einem klaren Spiegel
sehe ich die Abenddämmerung
meiner Gestalt“
Das zweite Kapitel nennt Yoko Tawada „Das gewöhnliche Alphabet als poetisches Medium“
Es besteht aus ihren eigenen, unvergleichlich originellen und ebenso schönen wie klugen Gedichten, und kurzen Texten. Würdigungen von Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger, wobei Tawada mit dem Schriftbild eines Typoskripts von (wie ich vermute) „Meine Sprache“ spielt und dabei der Aichinger so nah kommt, wie nur wenige andere sonst (außer vielleicht Uljana Wolf). Im Grunde bin ich viel zu begeistert und enthusiastisch, um etwas „Vernünftiges“ über dieses Kapitel zu schreiben, das ebenso großartig, originell und klug ist wie das vorangegangene.
Und weil bei Tawada alles so dicht ist, so viele Erkenntnisse und Einsichten und Denkanstöße auf so engem Raum, lese ich parallel dazu die Schauergeschichten von Péter Nádas.
Ich mag es, wie du über dieses Buch schreibst, wie du Brücken schlägst. Ich denke spontan an die 100 kurzen Geschichten, also wie du einen bestehenden Text und deine Gedanken emotional verwebst.
Danke für das Bild mit dem neuen und dem verfallenden Jahr, das ich alljährlich ähnlich empfinde wie du es in Worte fasst.
Ach vielen Dank. Das ist sehr schön so eine Einordnung des eigenen Schreibens zu lesen.
Begegnete Tawada zum ersten Mal durch deinem Blog, so auch geschehen bei Anne Sexton.
Ich wollte sofort nach Hamburg in die Bücherhallen um sie Tawada) mir von dort zu holen.
Ich lese deine Beschreibung des Januars dem Beginn und dem Ende. Dem Annehmen und dem Abwehren, Furcht.
Ich liebe den November, bereits Ende August fange ich an mich darauf zu freuen, auf die kürzer werdenden Tage, auf die Kühle, die Kälte, die Dunkelheit. Die Erlaubnis sich zurückziehen zu dürfen.
Es ist merkwürdig.