Lesetagebuch „Notizen für John“ (7)

Eigentlich komme ich mir nur schreibend auf die Schliche, denke ich zum wiederholten Mal. Und dass Didion vermutlich in dieser Hinsicht ähnlich funktionierte. Darum, denke ich, hat sie all diese Sitzungen festgehalten. Weniger für John, als vielmehr (möglicherweise nur unbewusst), um selbst zu rekapitulieren, was das alles, was diese Gespräche mit ihr machen, welche Gefühle sie freisetzten. Denn es bleibt ja alles recht kühl, sagt Tanya Lieske im Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur, Didion schreibt: ich weinte. Aber kein Wort von den aufwühlenden Emotionen, die dahinter stecken. Sie sagt auch, dass Didion ja fast zwei Jahrzehnte Zeit hatte, diese Notizen zu vernichten, und dass man die Aufzeichnungen als Protokoll der eigenen Öffnung lesen kann.

T., die Nachbarin mit dem scheinbar unveränderlichen Gesichtsausdruck, trägt, seit es kalt geworden ist, eine rosa Mütze mit Pailetten. Als ich aus dem Fenster sehe, öffnet sie gerade ihren Schirm.

Vielleicht schreibe ich das auf, weil es eine Metapher sein könnte dafür, dass ich vieles was die Lektüre von Notizen für John bei mir auslöst, für mich behalte, einen Schirm aufspanne, damit nur ein Teil von mir sichtbar wird.

1 Gedanke zu „Lesetagebuch „Notizen für John“ (7)

  1. @muetzenfalterin
    Könnten wir ohne metaphorisch Schirme überhaupt überleben?

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