Lesetagebuch „Notizen für John“ (8)

An einer Stelle im Buch spricht der Therapeut Didion darauf an, dass sie sich offensichtlich nicht ausreichend mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinander gesetzt hätte. (vielleicht hat sie auch darum kaum jemandem von ihrer Krebserkrankung erzählt). Manchmal fällt es mir schwer an Zufälle zu glauben, denn nachdem ich diese Stelle gelesen habe, gehe ich in die Bibliothek um mir „Der Gärtner und der Tod“ von Gospodinov auszuleihen. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Dabei finde ich „Abschied nehmen“, ein Buch in dem ich beim Hereinblättern folgenden Satz finde (ich kann nicht wörtlich zitieren, weil das Buch noch auf dem Schreibtisch im Büro liegt) „Ich möchte Ihnen nicht die Angst vor dem Tod (Sterben?) nehmen, aber ich möchte Ihnen helfen diese Angst auszuhalten und dabei vielleicht sogar etwas Schönes zu entdecken. Ganz viel gerät durch diesen Satz in Bewegung.

Mir wird bewusst, dass das ein Punkt ist, dem ich ausweiche. Jahrelang, Jahrzehnte lang, habe ich mir eingebildet, ich hätte mich ja bereits im sehr jungen Alter ausreichend und eigentlich überreichlich mit dem Tod auseinander gesetzt, indem ich meinen Vater an den Tod verloren habe, indem dann meine Mutter plötzlich starb, indem sich nicht viel später mein Großvater aufhängte, während zwischen dem Tod von Vater und Mutter meine Oma erfolgreich bei einem sehr subtilen Selbstmord gewesen war. (wie übertrieben sich das anhört, listet man es auf. Und dabei habe ich meine Cousine, die sich ebenfalls selbst das Leben nahm, gar nicht erwähnt).

Das Lebensende, die Sterblichkeit. Manchmal reden M. und ich darüber, manchmal indem wir überlegen, ob wir im Koma und an Apparaten weiterleben möchten, manchmal indem wir morbide Witze darüber machen, aber wirklich an uns heran lassen wir das Thema nicht. Oder vielleicht sollte ich ihn da nicht vereinnahmen, sondern bei mir selbst bleiben: eine, die sehr früh mehrfach mit dem Tod konfrontiert wurde, eigentlich ohne dass sie Hilfe bekam, ohne dass Trauer, Tod und Sterben, Verlust usw. bemerkt, begleitet und kontextualisiert worden wären, eine, die glaubte, indem sie das alles wissenschaftlich aufarbeitet, würde sie es auch seelisch aufgearbeitet haben. Also: gute Diplomarbeit, dann ist das Thema jetzt aber auch vom Tisch. Genug damit auseinander gesetzt. Und deswegen habe ich dann z.B. das Buch von Yalom über existentielle Psychotherapie mit abgespreiztem Finger gelesen. Mich gefragt: was soll das, was machen die so viel Gewese um Todesangst? Ich jedenfalls habe die nicht. Langsam reift die Vermutung: eine die so etwas behauptet, hat so viel Todesangst, dass sie das nicht im geringsten an sich heranlassen, dass sie das ganz ganz weit von sich weisen muss.

2 Gedanken zu „Lesetagebuch „Notizen für John“ (8)

  1. @muetzenfalterin
    Danke für diesen Denkanstoß.
    Ein notwendiges Thema.

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