Manchmal tragen die Bohnenkeimlinge noch einen Teil der Erde, aus der sie sich ans Licht gekämpft haben, auf ihrem Kopf. Wie stark sie sein müssen, denke ich im ersten Moment aber dann wird mir klar, was für eine beschwerliche Reise die Geburt gewesen sein muss. Womöglich kommt niemand von uns einfach so und ohne Anstrengung auf die Welt.
Ich merke wie ich auch hier, beim Schreiben über meine Depression, etwas leisten möchte. Ich lese Bücher über die Depression, ich höre Podcasts. Und merke erst jetzt, dass ich das tue, um möglichst bald wieder besser funktionieren zu können. Nicht um mir die Erlaubnis zu geben, gerade krank zu sein. Oder mir diese Erlaubnis nur mit den Hintergedanken zu geben, dass ich dann schneller wieder gesund werde. Du musst dich nur genug anstrengen, daran glauben vermutlich alle depressiven Menschen.
Da ist die Sache mit der Aufmerksamkeit, die in einem Podcastbeitrag angesprochen wurde. Seither denke ich darüber nach. Was geschieht, wenn ich die Aufmerksamkeit von mir weg auf andere richte? Nicht um mich zu vergleichen, erst recht nicht, weil ich glaube etwas besser zu wissen als die anderen, sondern auf eine wirklich offene und neugierige Art? Plötzlich erfahre ich dann, dass ich mir auf diese Weise selbst wohltuende Aufmerksamkeit schenke. Wie dieses Paradox, sich auflöst, wenn ich es tue. Wie wenig ich es tun kann, wenn es mir schlecht geht. Wie ich mich dann weiter und weiter zurückziehen, das Zusammensein mit anderen anstrengend finde. Es immer nur für kurze Zeit aushalten kann.
Außerdem ist da immer wieder die Enttäuschung, dass der Rehaerfolg nur kurzfristig gewesen ist und die Erschöpfung wieder ganz klar das Segel übernommen hat. M.M.n. hat die Erschöpfung damit zu tun, dass ich nie vollends entspannen kann, ich konnte das aufgrund der räumlichen Trennung in der Reha besser als zu Hause, aber ich kann die ganzen Sorgen und Belastungen nicht los lassen, die Sorge um meine Kinder, der Tremor der so behandlungsresistent ist, aber weiter fortschreitet, die Enttäuschung, dass die Tatsache, dass ich meine Schwester gefunden habe, nicht automatisch zu einem Happy End geführt hat, das Gefühl, dass ich nichts (oder nicht genug) aus meinem Leben gemacht habe, und das jetzt auch nicht mehr ändern kann. All diese negativen Gedanken schwingen ständig mit, jetzt wieder mehr im Vordergrund, aber weg waren sie nie.
Und ziemlich sicher ist es auch hier eine Frage der Aufmerksamkeit. Schenke ich der Erschöpfung die gesamte Aufmerksamkeit, indem ich versuche sie zu bekämpfen, mich für sie zu schämen und verzweifelt nach Behandlungsmöglichkeiten zu suchen, oder konzentriere ich mich darauf, was ich trotz der Erschöpfung schaffe, oder erlaube mir sogar einfach erschöpft zu sein? Das ist wohl in meinem Fall das, was immer unter dem Begriff Achtsamkeit gemeint ist und das Umlenken der Perspektive ist das, was mit Neuroplastizität des Hirns gemeint ist, wir können andere Denkmuster einüben. Es braucht Zeit und eine gewisse Hartnäckigkeit, aber es ist möglich.