Es regnet. Ich bin noch müder als gestern, obwohl ich seltsamerweise leichter aufstehen konnte. Eigentlich fühle ich mich vollkommen unfähig zu arbeiten und weil heute der Tag für Botengänge und ohne feste Bürozeiten ist, hätte ich gut zu Hause bleiben können, aber ich muss noch die Programmzettel abholen und obwohl ich sie gut und gerne ebenso gut morgen abholen könnte, lässt mir das keine Ruhe und ich fahre also zur Arbeit. Hole die Programmzettel ab. Bringe sie ins Büro. Und merke, dass ich wirklich nichts weiter leisten kann. Es geht einfach nicht. Ich fühle mich krank. Richtig krank, nicht nur eben gerade nicht so leistungsfähig, nicht so gut drauf. Wie ich immer noch und immer wieder denke: ich strenge mich einfach nicht genug an. Statt: ich kann gerade nicht mehr als das.
Ich liege also auf dem Sofa und lese. Ich habe „Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein“, aus dem Regal gekramt. Dieser Titel trifft den Kern, einerseits zu krank für das alltägliche Leben, andererseits zu gesund um Rücksicht auf mich zu nehmen, um mir einzugestehen, dass ich krank bin. Die Depression, gerade wenn es sich nicht um eine einmalige Episode handelt, sondern um etwas, das ständig wieder kommt, ist eine Behinderung, sagt Benjamin Maack, mit der man lernen kann umzugehen. In der Reha hat man mir angeboten einen Behinderungsgrad zu beantragen und ich habe es nicht getan. Ich hielt es einfach für vollkommen übertrieben, ich kann sehen und gehen und hören und ganz „normal“ funktionieren, also bitte, wo sollte denn die Behinderung sein. Ich weiß nicht wie viele Jahre ich gebraucht habe, um mir einzugestehen, dass diese Krankheit Teil meines Lebens ist, und zwar ein Teil, der mich behindert, der mir Stöcke in den Weg schmeißt, der als Widerstand zu dem, was ich eigentlich möchte, immer mitläuft.
Neben der Krankheit, und ich glaube, das macht es immer wieder so schwierig für mich, wirklich zu begreifen, dass ich depressiv bin, gibt es tatsächlich viele Belastungen. Häufig brauche ich andere, dir mir sagen wie vielfältig die Belastungen in meinem Leben sind, dass sie wirklich herausfordernd und nicht selten auch überfordernd sind. Ich lebe ja mit ihnen, sie sind Teil meines Alltags. Und wenn andere dann aufzählen, was da alles ist, das Kraft kostet und traurig macht, halte ich manchmal erstaunt inne und denke, dass ich mit einer Person, die all dem ausgesetzt ist wirklich Mitgefühl hätte, dass ich geduldig mit ihr wäre, dass ich sie ermuntern würde sich selbst zu sagen, dass sie ja schon sehr viel leistet, indem sie das alles aushält. Und dann würde ich hoffen, dass diese Bemerkung ihre Welt wieder ein wenig barmherziger und weiter machen würde, damit sie sich fallen lassen kann, nicht ganz auf den Boden, aber auf eine weiche Decke aus Verständnis und Mitgefühl.
Plötzlich denke ich an eine Talkshow, in der Maximilian Pollux sagte, dass er sich angesichts seiner psychischen Erkrankung gegen eigene Kinder entschieden hat, denen er die Qualen, die er selbst erlitten hat, nicht ungefragt hatte zumuten wollen und ich denke an meine Schwester, die gesagt hat, unsere Mutter hätte kein zweites Kind bekommen dürfen. Ich wiederum habe zwei Kinder in die Welt gesetzt.