Lange Zeit bin ich nicht zum Friseur gegangen. Ich habe wirklich geglaubt, die Friseurin würde sich vor meinen Haaren ekeln. Ich weiß wie merkwürdig das klingt, ich wusste es auch schon während ich es dachte, aber trotzdem war der Gedanke wirkmächtig genug, um den Besuch wieder und wieder zu vereiteln. Gestern war ich endlich doch beim Friseur und die Friseurin sagte zu mir: Sie haben wirklich schöne Haare.
Was außerdem merkwürdig ist: An einem Tag habe ich ständig Heißhunger, kann gar nicht genug essen, tags darauf merke ich überhaupt nicht, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen habe.
Zu 40 Prozent bedingen die Gene und zu 60 Prozent die Umwelt den Ausbruch einer Depression.
Ich habe viel über Veranlagung nachgedacht. In einem der Podcasts wurde erwähnt, dass einige Menschen sehr starke Belastungen überwinden, ohne in eine Depression zu fallen und andere schon bei geringen Belastungen mit einer Depression reagieren. Wenn ich nachdenke über das was ich gehört und gelesen habe über Depressionen, und das ist viel, sehr viel, weiß ich, dass eines meiner „Probleme“ darin besteht, dass ich nie eine ganz schwere Depression gehabt habe, eine, die mir nicht erlaubt wenigstens ein Mindestmaß an Routine und Disziplin aufrecht zu erhalten, und deswegen häufig meine depressiven Phasen nicht ernst genommen habe, mich für eine wehleidige Simulantin gehalten habe. Ich kenne das nicht, dass ich nicht aufstehen und duschen kann, mir fällt es nur schwer, also bin ich ja wohl nicht ernsthaft krank. Und andererseits hatte ich häufig das Gefühl schon viel zu lange mit dieser Krankheit zu leben, schon viel zu viele Therapien und Behandlungsmethoden zu kennen, um von Gruppensitzungen zu profitieren. Ich erinnere mich an die letzte Reha, und daran, dass ich überheblich war, meine Gedanken waren überheblich. Wie soll dir das hier etwas bringen, wenn du nichts sagst, dachte ich von der Frau, die Sitzung für Sitzung kein einziges Wort sagte. Komm endlich darüber hinweg, dass deine Mutter nicht nett genug zu dir gewesen ist, dachte ich von der Frau, die Sitzung für Sitzung ihre Kindheit beklagte. Hör auf mit deinen Kalendersprüchen, dachte ich über den Mann, der Sitzung für Sitzung anekdotisch seine Überlegenheit darzustellen versuchte. Inzwischen weiß ich, dass ich ihn am allerwenigsten mochte, weil er mir mein eigenes Verhalten und Denken gespiegelt hat. Und noch etwas wird mir deutlich, während ich das hier aufschreibe: Ich werde hart und überheblich, wenn es mir schlecht geht. Und wenn es mir richtig schlecht geht, behandle ich mich selbst so hart und überheblich meinen Schwächen gegenüber, dass ich auch andere nicht mehr freundlich und mitfühlend behandeln kann. Die Depression macht meine Welt dann eng und unbarmherzig und sorgt auf diese Weise dafür, dass sie weiter blüht und gedeiht.
ich denke, die „überheblichkeit“ und auch „härte“ könnten eine art schutzmechanismus sein. danke, dass du deine gedanken teilst! erhellend und nachdenkenswert. mit liebem gruß, diana
Gut durchdacht, gemutmaßt und hier dargestellt. Bin sehr angetan davon!
Danke schön. Das tut gut!