Lesetagebuch Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit (1)

Es soll jetzt so bleiben, Regen, grauer Himmel, die Krokusse, die die Köpfe einziehen. Nur noch kälter. Regen und Kälte. Trotzdem bereitet sich die Magnolie darauf vor, zu blühen, ihre rosafarbene Wucht auszubreiten. Und großartige Bücher erscheinen. Judith Hermanns Ich möchte zurückgehen in der Zeit ist eines davon. Im letzten Lesejahr waren es fast ausschließlich Gedichtbände, die mich begeistern konnten, die Prosa ließ mich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eher kalt. Ich habe aber ohnehin für meine Verhältnisse sehr wenig gelesen und vielleicht habe ich einfach häufig das falsche ausgewählt. Dieses Jahr scheint viel besser zu werden. Lesend. Es lässt sich jedenfalls gut an. Und jetzt also Judith Hermann und ihre wichtige, und weder unzeitgemäße noch verspätete Auseinandersetzung mit dem Großvater, der überzeugter Nazi gewesen ist.

Ich lese, wie Judith Hermanns Erzählerin in „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ Mitscherlich liest und kann nicht begreifen, wie ich noch niemals zuvor auf die so einleuchtende Idee gekommen bin, Mitscherlichs „Unfähigkeit zu trauern“ zu lesen, um meine Mutter ein kleines bisschen besser zu verstehen. Ich suche also das Buch auf dem Dachboden, aber es ist unauffindbar. Ich suche im Bibliothekskatalog und es ist verfügbar. Montag wird also der erste Weg, noch vor der Arbeit, dorthin führen.

Ich mag wie sich in Judith Hermanns Buch die Erzählerin selbst beim Denken zusieht, wie sie Fragen stellt und keine Antworten findet, wie sie sich selbst deplatziert findet, und dann entscheidet, dass sie das aushalten will. Sie flicht Beobachtungen ein und baut in den Gesprächen mit der Mutter, aber auch in Begegnungen mit Menschen und Artefakten in Polen, eine Art Spannung auf.

1 Kommentar zu „Lesetagebuch Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit (1)

  1. @muetzenfalterin Das sieht nach einem sehr not-wendigen, hilfreichen Prozess aus, den da die Früheren angstoßen. Wie gut, dass du diese Spur gefunden hast. Und wie gut, dass du sie hier teilst.

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