Bemerkenswert an diesen Aufzeichnungen ist, dass Didion, obwohl sie sich öffnet, die ihr wesenhafte, Distanz wahrt. Sie zeichnet Gespräche nach, in denen sie über Dinge gesprochen hat, über die sie vermutlich niemals zuvor gesprochen hat, sie erkennt Muster, die sie erschüttern und dennoch bleiben die Aufzeichnungen kühl. Ich hoffe es klingt nicht größenwahnsinnig, wenn ich Parallelen entdecke, so ähnlich muss es meiner Therapeutin auch erscheinen. Auch sie wird vielleicht manchmal denken: wie seltsam kühl diese Frau bleibt, wenn sie von familiären und persönlichen Katastrophen erzählt.
Noch ein Punkt, an dem Didion meine eigene Misere auf den Punkt bringt: „Ich sagte, dass meine eigenen Bemühungen, Quintana mit den Hausaufgaben zu helfen – die umfangreich waren -, im Rückblick zu sehr darin bestanden hatten, sie zu übernehmen, ihr zu zeigen, wie man es machte, anstatt sie zu ermuntern, es selbst zu tun.“ Ich erinnere mich daran, wie ich einerseits überzeugt davon war, dass meine Kinder ihre Probleme und auch die häufig viel zu zahlreichen Hausaufgaben meistern könnten, und trotzdem immer wieder ungefragt übernahm. Eine Facharbeit von M., die ich lediglich für ihn abtippen sollte, weil die Zeit knapp war, habe ich während des Tippens „verbessert“. Wie übergriffig ich damit gehandelt habe, wird mir erst jetzt wirklich bewusst. Und vielleicht war das ein Muster, das sich durch die gesamte Kindheit meiner Söhne zog, dass ich immer wieder dachte ich unterstütze sie am besten, indem ich sie vor Schwierigkeiten schütze, statt ihnen zu helfen, sie selbst auszutragen. Ich erinnere mich, wie mich eine damalige Freundin häufig, wenn ich von den Problemen der Kinder erzählte, fragte: Ist das jetzt wirklich das, was deine Kinder empfinden oder meinst du in Wirklichkeit dich, damals, als du so alt warst wie sie? Ich weiß noch, wie klug und weitreichend ich ihre Frage fand, wie ich kurz versuchte, sie mir selbst zu stellen, bevor ich wieder in den Automatismus der Überbehütung fiel.
@muetzenfalterin Ich bin sehr dankbar für diese deine intensive Ausseinandersetzung mit diesem Buch. Danke für die Gedankenanstöße!
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Liebe Mützenfalterin, ich bin ja hier mittlerweile eher die stille Zuleserin, setze meine Like und bin dann wieder we. Aber so ist es nicht. Denn dein Schreiben zu Didion, deine Selbstrefelktionen darin, lassen auch in mir so einiges anklingen. Gerade frage ich mich wieder einmal, wie weit ich mich wirklich öffne, ich, die immer als so offen wahrgenommen wird, es aber nicht wirklich ist. Vieles andere schwingt nach und ich öffne mein Schreibebuch und vielleicht wächst daraus ja doch noch etwas, was ich auch veröffentlichen mag.
Hab Dank.
Liebe Grüße
Ulli