Ich gebe zu, dass ich viele Menschen um ihre Traditionen zu Weihnachten beneide. Um Rituale, die wieder kehren, um einen festen Rahmen, Abläufe, die bekannt sind, die etwas sind, worauf man sich freuen kann.
Weihnachten war den größten Teil meiner Biografie lang ein eher schwieriger Feiertag. Niemand in der Familie war wirklich religiös, so dass mir dieser christliche Wert von Weihnachten eigentlich nie vermittelt worden ist. Eigentlich hätte Weihnachten trotzdem sehr schön sein können und war es bestimmt auch ein paar Jahre lang. Die ersten Jahre meines Erdenlebens.
Aber daran erinnere ich mich nicht. Die Erinnerung setzt ja auch erst etwas später ein, vielleicht ab dem Alter von 5 oder 6 Jahren erinnert man sich an bestimmte Begebenheiten, bildet ein Erinnerungsvermögen aus. Als ich fünf Jahre alt war, starb kurz vor Weihnachten mein Vater. Er starb nicht unerwartet und plötzlich, sondern nach einer langen Krankheit, nach einem langen Kampf am Leben zu bleiben, der dann kurz vor Weihnachten endgültig verloren war. Die Weihnachten in den ersten Jahren danach bemühte sich meine Mutter nach Kräften, alles „normal“ scheinen zu lassen. Mir eine heile Welt inklusive Christkind und Weihnachtsbaum und Geschenken zu bieten. Aber natürlich spürte ich, dass da eine große Traurigkeit war. Eine nicht wieder zu füllende Lücke.
Später, als junges Mädchen, war Weihnachten (und ich rede dabei immer vom Heiligen Abend, denn für die anderen Tage, die Feiertage gab es tatsächlich Abläufe und Besuchsregeln usw. Diese Tage waren strukturiert und vor allem mit anderen Menschen, auch meinen Cousinen und Cousins, gefüllt, so dass sie sich wirklich normal anfühlten) mit meiner Mutter ein schönes intimes Fest. Nur wir zwei, die gemeinsam aßen, Wein tranken, den Weihnachtsbaum, den wir zusammen geschmückt hatten, genossen.
Nach dem Tod meiner Mutter war Weihnachten für mich eine Zeitlang vollkommen bedeutungslos. Mal folgte ich den Einladungen der Eltern von Freunden und Freundinnen. Lieber blieb ich allein und ließ Weihnachten einfach einen arbeitsfreien Tag sein. Bedeutung bekam Weihnachten dann wieder als ich selbst Kinder bekam. Die ersten Weihnachten mit sehr kleinen und später größeren und staunenden Kindern, waren wunderbar.
Selbst das letzte Weihnachten war noch schön.
Dieses Jahr habe ich Weihnachten weitesgehend tapfer hinter mich gebracht. Wie ich überhaupt dieses Jahr versucht habe, möglichst aufrecht zu überstehen.
Der Weihnachtsbaum war so gerade und gut gewachsen und schön wie selten zuvor. Als würde er versuchen das Fehlen des Wichtigsten zu kompensieren. Und der Teil meiner Familie, der da sein konnte, war ebenso wunderbar. Wie ich überhaupt in den letzten Jahren begriffen habe, wie wichtig Familie eigentlich ist. Gerade in wirklich schweren Zeiten. Und was für eine tolle Familie ich habe, die wirklich ohne wenn und aber zusammenhält. Das ist ein großes Glück. Dafür bin ich dankbar. Und es gibt mir die Kraft zu hoffen, dass das nächste Weihnachten wieder so sein wird, wie Weihnachten sein sollten. Mit einer vollständigen Familie.
Danke für diesen berührenden Text. Ich habe ihn einige Male gelesen.vweihnachten ist irgendwie ein Zeitraum unter Brennglas. sehr nähegehend, wie die Mutter versucht die Leerstellen zu füllen, die Melancholie, der Schmerz als Schatten aber mit zu Gast ist.
und dass man nach einigen Versuchen, doch einen Weg findet sich in dieser Zeit des Jahres eine eigene Insel zu schaffen.