Was wärst du gerne geworden als junge Frau? Wenn du die Wahl gehabt hättest? Wovon hast du geträumt?, frage ich meine Mutter. Sie ist blass, fast durchsichtig. Es dauert lange bis sie sich räuspert. Dann sagt sie: Das hättest du mich vor dreißig Jahren fragen müssen. Sie scheint wirklich ungehalten zu sein. Ich war zu jung, antworte ich, überleg mal, ich war erst zwanzig. Sie ist immer noch blass, aber langsam scheinen ihre Sommersprossen unter der grauen Haut hindurch. Sie setzt sich und ich bringe ihr eine Tasse Kaffee. Nicht ohne mich zu schämen, dass ich nicht sicher bin, ob sie ihn mit Zucker trinkt oder nicht.
Ich bin ein Häuflein Asche, sagt sie, von hier aus erzähle ich meine Geschichte. Jetzt, da du mir endlich zuhören willst.
Dieser Text geht mir wie ein Echo nach, seit ich ihn gelesen habe.
Dieses „was wärst du gern geworden?“ impliziert ja immer: Eigentlich bist du nicht richtig, besser wäre etwas anderes gewesen. Werden erzeugt eine Reibung am Sein. Als wäre Werden (da aktiv) besser als bloßes Sein (passiv).
Mir hat mal eine Mutter über ihren Sohn, einem Kumpelfreund von mir, gesagt, dass sie sich immer nur gewünscht hat, dass er glücklich wird. (Ihr Sohn ist ein Mensch, der sehr anders lebt als die Mehrheit, sehr einfach und sehr nahe an der Natur.)
Was wäre ich gern geworden? Und du?
Ich denke: Mich selbst, so ganz wie möglich, das tuend, was mir und meiner Umwelt gut tut. So irgendwie.
Bloß wie?
Mutter werden … ein Werden und Gewordensein, das zugleich ständig weiter wird, nie fertig ist. Und doch ist es auch einfach nur ein Sein. (Ich kann grad nicht gut ausdrücken, was ich meine …)
Ich bin dir ganz besonders dankbar für diesen Kommentar, weil er gleich in den ersten Zeilen zeigt, dass du etwas anderes verstanden hast, als ich gemeint habe. Die Frage, was wärst du gern geworden meint in meinem Kontext, dass meine Mutter ja, da Kriegskind, geflüchtet usw. nie das tun konnte, was sie ursprünglich wollte. Und ich habe sie tatsächlich nie danach gefragt, was ihre Träume gewesen sind, bevor es nur noch darum gehen konnte, zu überleben.
Aber ich verstehe schon, was du meinst, das geht viel tiefer und weiter, betrifft eine existentielle Ebene. Ich dachte dabei an dieses: Was willst du mal werden wenn du groß bist, diese Frage, die Kindern manchmal gestellt wird. Aber eigentlich hast du Recht, ich sollte das anders formulieren, so ist es, jedenfalls ohne Kontext, zu missverständlich. Ganz herzlichen Dank für deine Zeilen.
Ich weiß natürlich schon, wie du es gemeint hast. Nur war mein Drübernachdenken ein wortwörtliches Drübernachdenken über diese Worte, die wir so leicht sagen: Was möchtest du denn werden?
Du hast nichts falsch formuliert, nichts sollte anders formuliert werden, jedes Wort sitzt.
Ach Danke, dann habe ich das falsch interpretiert. Wie leicht man einander missverstehen kann.