Lesetagebuch „Notizen für John“ (4)

Was mich gleichermaßen irritiert wie fasziniert, ist, wie sicher dieser Therapeut zu sein scheint, wie er es scheinbar niemals auch nur ansatzweise in Betracht zieht, dass es Fragen gibt, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt, dass es Verhaltensmuster gibt, die sowohl überlebenswichtig als auch verkehrt sind, dass er keinen Zweifel zu kennen scheint. Weder wenn er Ratschläge gibt, wie und über was Didion mit ihrer Tochter sprechen soll, noch wenn er ihr attestiert, dass sie nicht richtig handeln kann, dass jedes Verhalten, alles was gut gemeint war, genau das Gegenteil bewirken kann. Dieser Therapeut irritiert mich. Ich sehe gerne Serien, Filme, in denen es um Therapiesitzungen geht, kürzlich „In Therapie“ und ich habe sowohl Lori Gottliebs „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ verschlungen als auch die Bücher die Yalom über seine Arbeit als Therapeut geschrieben hat. Aber noch niemals hat mich ein Therapeut so abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, wie dieser Therapeut von Joan Didion.

Vermutlich bin ich momentan in diesem Sinkflug, von dem D. kürzlich schrieb, sie sei aus der Abwärtsspirale wieder aufgetaucht. Vermutlich lag ich falsch als ich die Dauer zwischen den Therapiesitzungen auf drei Wochen erhöhte, weil ich dachte, das Wesentliche, das Alltägliche hätte ich ja nun im Griff. Vermutlich geht es gerade darum einfach auszuhalten, dass gerade nicht mehr geht, als auszuhalten was ist. Möglicherweise ist unter diesen Umständen die Lektüre von Notizen für John nicht das Richtige.

Auf jeden Fall scheint es aber so zu sein, dass ich es sogar lesend als verletzend empfinde, wenn Menschen so sicher sind, sich so offensichtlich über jeden Zweifel erhaben geben.

4 Gedanken zu „Lesetagebuch „Notizen für John“ (4)

  1. @muetzenfalterin
    Ob der Therapeut provozieren wollte? Es fühlt sich dennoch falsch an und grenzüberschreitend, so wie du ihn beschreibst. Dass du ihn sogar stellvertretend als übergriffig empfindest, spricht eine deutliche Sprache.

    Niemand soll so behandelt werden. Auch wir nicht. Besonders dann nicht, wenn wir Hilfe brauchen.

  2. Verzeihung, mr scheint, es ist doch völlig unklar, wie der Therapeut „wirklich“ ist, denn er wird hier durch mehrere „Filter“ hindurch beschrieben, also, er hat auf eine Klientin, die über ihn schreibt, so und so und so gewirkt, und eine Leserin, die das Buch der Klientin liest, teilt mit, welche Gedanken sie bei der Rezeption dieses Buches bewegen … ich weiß nicht, ob man daraus tatsächlich Urteile über den Therapeuten ableiten kann, etwa, dass er „übergriffig“ sei … ein solches Urteil zu fällen – das finde ich zu vorschnell und dem komplexen interaktiven Geschehen eines therapeutischen Prozesses nicht angemessen.

    Herzliche Grüße
    Pega

    1. Liebe Pega, ich verstehe deinen Einwand. Aber um für mich zu sprechen nehme ich mir in einem absolut subjektiven Lesetagebuch die Freiheit vielleicht auch einmal einseitig und undifferenziert zu urteilen. ich weiß für mich persönlich jedenfalls, dass ich mit diesem Therapeuten, so gut er für andere sein mag, nie hätte arbeiten können. Es heißt überall er sei seinerzeit einer der renomiertesten Therapeuten in N.Y. gewesen, daher wird ihn mein laienhaftes Urteil nicht sonderlich belasten, ohnehin posthum wie ich annehme. Es gibt ja bei uns nicht umsonst die Möglichkeit der probatorischen Sitzungen, um festzustellen, ob Klient:in und Therapeut:in zueinander passen. Aber nichts desto trotz vielen Dank für Deinen Einwand und Deine berechtigte Intervention. Herzlich, Elke

      1. Liebe Elke, Danke für Deine Antwort!

        Ja, was Du sagst, verstehe und akzeptiere ich vollkommen.
        Habe vielleicht zu scharf reagiert und hätte in meiner Formulierung besser herausarbeiten sollen, worum es mir ging, nämlich darum, vor schnell getroffenen Pauschal(ver)urteil(ung)en zu warnen, die ich allerdings bei Dir ganz und gar nicht sehe, denn du sprichst ja – wie Du es in Deiner Antwort an mich auch erläuterst – subjektiv, für Dich selber, aus Deinem persönlichen Wahrnehmen heraus, bedacht und mit großer Sorgfalt, und ich bin ich sehr froh, Dir hier folgen zu können.

        Herzliche Grüße
        Pega

        (Es ist so, dass ich häufig erlebe, wie rasch Menschen „große“ Urteile fällen, gedankenlos eine aufgeschnappte Information übernehmen – und daraus wird dann, beispielsweise, die Verdammnis „der Schulmedizin“ – oder „der Lehrer“ oder „der Jugendlichen“ oder „der Altenpflegerinnen“ – und diese Art zu denken finde ich bedrohlich, dieses Denken und Urteilen macht mir Angst …)

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