Lesetagebuch „zu lieben“ – Ulrike Draesner

Unmöglich konnte ich dieses Buch neutral, objektiv lesen. Das Thema geht mich zu sehr an. Das Thema Adoption, das Thema Mutterschaft, das Thema wie sich Wunden, die man als Kind erfahren hat, vererben.

Es war ein aufschlussreiches Buch für mich. Ein Buch, das die wunden Stellen nicht umschifft, sondern aufrichtig betrachtet, das Verletzungen zeigt, ohne vorschnell Verantwortliche auszumachen. Ein geduldiges Buch. Geduldig mit sich selbst, seinem Thema und den Figuren, die sich darin bewegen.

Es ist natürlich viel mehr. Nämlich kunstvoll aufgebaut, klug strukturiert, gut recherchiert und formuliert. Ein Buch über Rassismus und blinde Flecken, über die Kolonialgeschichte und darüber, dass sie noch lange nicht aufgehört hat. Davon, was geschieht, wenn man das angenommene Kind ernst nimmt. Es als den Menschen annimmt und zu begleiten versucht, der es ist, statt zu tun „als ob“. Und natürlich ist es auch ein Buch über eine Beziehung, die schließlich scheitert. Es ist ein Buch über Bedürfnisse und darüber, wie unmöglich es ist, manche davon zu erfüllen.

Mich hat es berührt, durchaus auch im Sinne von nachträglich traurig gemacht, wie ernst die werdende Mutter ihr Kind in jeder Situation nimmt, wie sie immerzu die Perspektive des Kindes zumindest mitzudenken versucht. Wie sie darum das Kind nicht seiner Geschichte beraubt, sondern diese erzählt. Wie sie den Geburtstag der leiblichen Mutter mit dem Kind feiert. Wie sie es aushält, dass es dauert, bis das Kind eine Bindung aufbaut, wie sie es aushält, dass diese Bindung lange brüchig bleibt. Ich verstehe dank dieser Geschichte noch einmal ein wenig besser, wie groß die Angst meiner Mutter gewesen sein muss, dass ich sie unbewusst doch nicht als Mutter akzeptieren würde. Wie viel größer diese Angst vor Verlust geworden sein muss, als ihr Mann, mein Vater, sehr früh gestorben ist und sie es nicht ausgehalten hätte jetzt noch einen Menschen und damit ihre gesamte Familie zu verlieren.

Die Eltern haben die Elternschaft.

Das Kind hat die Kindschaft.

Seltsam, dass dieses Wort nicht existiert.

Nehmen wir uns als die Kinder, die wir einmal waren, nicht ernst?

Kindschaft“, endet nicht mit der Kindheit.

Auch Kindschaft ist ein Lebensverhältnis.“

Die Tatsache, dass wir irgendwann nicht mehr abhängig sind von unseren Eltern, dass wir sogar selbst Verantwortung übernehmen für Kinder, bedeutet nicht, dass wir keine Kinder mehr sind. Dieser Satz von Louise Bourgeois sagt es treffender als man manchmal aushalten kann: Du brauchst eine Mutter. Das weiß ich, aber ich weigere mich, deine Mutter zu sein, weil ich selbst eine Mutter brauche.“

Wir sind gleichzeitig die verletzlichen und häufig genug verletzten Kinder und die Mütter, die unsere eigenen Kinder brauchen. Ich erfahre seit geraumer Zeit sehr schmerzlich, dass sich mit meinen Kindern bestimmte Muster wiederholt haben, die ich unbedingt vermeiden wollte. Das ist ein Prozess. Ein Prozess in dem ich Verantwortung übernehme. Verantwortung zu übernehmen ist gleichzeitig aktiver als auch befreiender als sich weiterhin schuldig zu fühlen. Es ebnet den Weg, um Verzeihung stattfinden zu lassen. Um manche generationenübergreifend vererbte Verletzungen vielleicht noch nicht in dieser, aber vielleicht in der nächsten Generation, überwinden zu können. Es ist eine Möglichkeit die Lebensverhältnisse zu verändern. Zu heilen.

Noch ein Zitat aus dem Buch, das mich mitten in Herz und Hirn getroffen hat:

Auf dass wir nicht glauben, wir müssten die und die Person sein (etwa „das adoptierte Kind“). Auf dass wir erfinden, wer wir sein dürfen – mit unserer eigenen Erlaubnis (die nicht selten am schwersten zu erhalten ist).

Auf dass wir uns bei uns selbst adoptieren.“

Es war kein Vergnügen das Buch zu lesen, dazu hat es zu viele wunde Stellen berührt, es war ein Buch, das mir geholfen hat, einiges noch einmal anders, tiefer, verständiger zu reflektieren, was schon lange in mir arbeitet. Es war in diesem Sinne unbedingt ein Buch, das mich klüger und gleichzeitig einfühlsamer (auch und gerade mir selbst gegenüber) gemacht hat.

2 Kommentare zu „Lesetagebuch „zu lieben“ – Ulrike Draesner

  1. „Auf dass wir nicht glauben, wir müssten die und die Person sein (etwa „das adoptierte Kind“). Auf dass wir erfinden, wer wir sein dürfen – mit unserer eigenen Erlaubnis (die nicht selten am schwersten zu erhalten ist).

    Auf dass wir uns bei uns selbst adoptieren.“

    Das, genau das! Danke für die Besprechung und besonders für diesen Satz!

  2. Gerade ist das Buch bei mir angekommen. Schade habe ich noch einiges heute zu erledigen, denn eigentlich würde ich jetzt direkt gerne beginnen zu lesen.
    Ich danke dir für deine Zeilen zum Buch, die mich dazu gebracht haben das Buch zu bestellen.

Antworte auf den Kommentar von sofasophia Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert