Vor einigen Tagen hörte ich Maximilian Mengeringhaus über die Auferstehungsszene der Mutter bei Viskys Aussiedlung sprechen, und dachte, dass es vielleicht das ist, was das Buch so besonders macht: dem Schrecken nicht die Macht zu geben, vielmehr der Ungerechtigkeit, dem Leid usw. Liebe entgegenzusetzen, Verbundenheit, gar nicht einmal Fantasie, sondern all das, was trotzdem und außerdem da gewesen ist. Es sind solche Sätze, die bei Visky ihre ganze Vielschichtigkeit entfalten: „[…] der Mensch ist so erschaffen, dass er sein eigenes Herz nicht abhören kann […]“
András Visky, Theaterautor und Dramaturg, hat an diesem Roman 20 Jahre lang geschrieben, er hat dafür unzählige Gespräche mit seinen Geschwistern geführt. Denn er selbst war noch sehr jung, als die, der ungarischen Minderheit angehörende Familie in den 1950er Jahren von der Securitate ins Lager, bzw. in mehrere Lager deportiert wurde, nachdem der Vater verhaftet worden war.
Es geht also um die Deportation der sieben Kinder und der Mutter in die rumänische Steppe, nachdem der Vater, ein Pfarrer, zu 22 Jahren Haft verurteilt und verschleppt worden war. Auf bestechende Weise schildert Visky die Erfahrungen der sechsjährigen Gefangenschaft: das Hausen in einem Erdloch, von einem Lagerbewohner, der die Knochen der Verstorbenen in kleinen Säckchen sammelt. Davon wie die Eltern (denn auch der Vater überlebt das Gefängnis und wird schließlich freigelassen) an der Bibel, an ihrem Glauben festhalten.
Mengeringhaus sagt in seiner Besprechung das Buch schildert wie kein anderes das letzte Jahrhundert.
Erzählt wird in kurzen durchnummerierten Abschnitten, Gedankenfetzen vielleicht oder Erinnerungssplitter.
Visky selbst schreibt im Nachwort: „Die Wirklichkeit und sogar deren Fragmente sind menschliche Konstrukte. Wir müssen uns bemühen, die Wirklichkeiten der anderen kennenzulernen und zu akzeptieren. Dieser Entschluss macht uns zu Menschen und diese verschiedenen seelischen Spiegelungen machen uns zu Geschwistern. Der Rest ist Schweigen und Schnee und Tod.“
Und Timea Tankó ist die vermutlich ziemlich fabelhafte Übersetzung ins Deutsche zu verdanken.
Das letzte Zitat wirkt in mir nach. Danke dafür, liebe Mützenfalterin.
Herzliche Grüße, Ulli
„machen uns zu Geschwistern“ Das ist wunderbar, und es ist etwas, das ich im täglichen Kleinklein zu praktizieren versuche.