Es ist seltsam, wie ich eine Zeitlang versucht habe, mich von einem bestimmten Schreibprojekt fern zu halten, weil ich dachte, es braucht Abstand, ich brauche Abstand. Und wie dann dieser Abstand dazu geführt hat, dass ich gar nicht mehr schreibe.
In Andrea Bajanis schmalem Roman „Der Jahrestag“ finde ich sehr gute Anregungen, um über Erinnerung und Erfindung nachzudenken. Darüber wie ich Erinnerungen verformen darf, mich von ihnen lösen, um gerade auf diese Weise genau zu sein.
Er schreibt z.B. „Etwas, das Fakten, Gedanken und sogar eine vollkommen andere, alternative Erinnerung schafft, die im Schreiben erzeugt wird. Also mehr ein Produkt der Erfindung als des Erinnerns. In der meine Mutter sogar von ihr selbst unabhängig existiert.“ Und nur so kann ich wohl von meinen Müttern schreiben, indem ich ihnen eine Unabhängigkeit erfinde, die darüber hinausgeht, dass sie meine Mütter sind, die auch darüber hinaus geht, dass ich eigentlich nichts von ihnen weiß. Ein anderes Zitat von Bajani: „Sich durch Erfindung Zugang zu dem verschaffen, was die Erinnerung nicht hergibt, genau darin liegt die brutale Kraft des Romans.“ Es ist vielleicht diese Brutalität, denke ich, dieses sich Zugang verschaffen zu etwas, das die Frauen über die ich schreiben möchte, immer verdeckt haben (die eine) und bereut (die andere). Aber eigentlich, das weiß ich natürlich auch, schreibe ich ja nicht über sie, sondern über mich, über mein Verhältnis zu ihnen, darüber, wie sie sich mir gezeigt und oder sich vor mir verborgen haben. Und ich fürchte vielleicht, dass ich die Balance nicht finde, zwischen dem Schleier, der sie schützt und der Notwendigkeit etwas hinter diesem Schleier sichtbar werden zu lassen.
Das letzte Zitat, das bei Bajani in einem ganz anderen Zusammenhang steht, er hat den Kontakt zu seiner Familie schließlich abgebrochen, weil die Beziehung zu seinen Eltern derart toxisch und gleichzeitig unveränderlich war, dass sie ihn zerstört hätte, wenn er nicht diesen Schlusspunkt gesetzt hätte, ist ein Satz, dem ihm seine Therapeutin bei der letzten Sitzung mitgibt: „[…] eine Art, Gewalt auszudrücken, sei die Zerstörung, aber die andere, wichtigere und sozusagen tugendhafte, sei die Genauigkeit.“
Ich will diese Genauigkeit, aber ich will sie ohne Gewalt und ohne Zerstörung. Dabei ist Schreiben (zumindest in diesem Fall) ohne diese Phänomene nicht zu haben.
@muetzenfalterin
Danke! Das geht tief bei mir.
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