Lesetagebuch „Mein Jahr mit Achill“

Der Tag gestern verschenkt. Freie Zeit und Sonne und eigentlich alles, was man braucht war da, aber ich habe es nicht würdigen können. Heute Nacht davon wach geworden, dass ich nach meiner Mutter geschrien habe. Und dann lese ich heute morgen einen Post von Simone Scharbert und weiß plötzlich, was verkehrt war, was die letzten Tage so traurig, verloren und falsch gemacht hat. Ich hatte die Liebe aus dem Blick verloren. Ich hatte vergessen, dass man alles was man tut, auch mit Liebe tun kann. Dass man die, die man ist, vielleicht gar nicht bis in den letzten Winkel kennen muss, aber ihr mit Liebe, mit Zugewandtheit begegnen kann.

Jetzt verstehe ich allerdings noch weniger als zuvor, was Grethlein meint, wenn er schreibt, dass Achill wie keine Figur sonst illustirere, dass nur eine Bestie oder ein Gott ohne Gemeinschaft existieren können.

Ich lese weiter „Mein Jahr mit Achill“. Ich verstehe, wie jemand fasziniert sein kann von der Ilias, wie er alles in ihr entdeckt, die ganze menschliche Bandbreite, die Erwartungen und ihre Enttäuschung, und ganz besonders die „Schicksalskontingenz“. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es darum, dass unsere Erwartungen, unser Lebensplan immer unsicher sind, weil nicht wir es in der Hand haben, was am nächsten Tag geschieht, ob ein Krieg ausbricht, eine Hungersnot, oder der Krebs.

Und darum sind Erzählungen gerade in Situationen, in denen wir bedroht oder sonst sehr zerbrechlich sind, von so großem Wert. Sie setzen uns unserer Zeitlichkeit aus, und befreien und zugleich von ihr. Grethlein schreibt: „Das homerische Epos ist eine einzigartige Meditation über die menschliche Zeitlichkeit, die ich im Zuge meiner Erkrankung so drastisch erlebte.“

Mein Jahr mit Achill ist nicht zuletzt ein Buch darüber, wie sehr unsere eigene Haltung, unsere Lebenssituation und unsere Verfassung das beeinflussen, was wir lesen. So dass eigentlich nie zwei Menschen dasselbe Buch lesen.

5 Kommentare zu „Lesetagebuch „Mein Jahr mit Achill“

  1. Wow, das ist sehr spannend. Mich berührt das alles sehr, am meisten die letzten beiden Sätze. Und das mit der Schicksalskontingenz und unserer latenten Erwartungs- und Enttäuschungshaltung dem Leben gegenüber.

  2. In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.

    Marcel Proust
    Über Marcel Proust, mehr Zitate von Marcel Proust (136)

    Quelle: Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bände 1-3, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000 , Bd. 3, Die wiedergefundene Zeit, S. 4006, ISBN: 3518397095

  3. Der Kommentar bezieht sich auf den letzten Satz deines Beitrages. Mag das Zitat gon Proust irgendwie . Kannst du bitte den ersten Kommentar von mir löschen?
    Habe den Tag über : nur ein Gott oder eine Bestie kann ohne Gemeinschaft leben, nachgedacht.
    Achill lebte und kämpfte außerhalb von Gruppierungen. Er fühlte sich nicht zugehörig.
    In: Die Stille der Frauen, wird von Achills grosser Sehnsucht nach seiner Mutter erzählt, die ihn verliess als er sechs Jahre alt war.
    zum Tun: ich glaube auch, dass es oft eine Frage der Einstellung ist. Zen in den Alltag bringen, das Beste aus einer Situation machen und wenn das nicht genügt-gehen.
    Mich faszinieren Lebensentwürfe in denen Jemand noch einmal einen ganz neuen Lebensentwurf wagt.

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