Kerstin Preiwuß – Heute ist mitten in der Nacht

Dieses Buch folgt einen Sound. Der mich gefangen nimmt, den ich noch nicht wirklich beschreiben kann. Der dennoch einen Sog entwickelt, dem ich mich nicht entziehen kann, weil er gleichzeitig klingt, als käme er aus großer Ferne, und mich trotzdem mitten drin erreicht. Die sehr persönlichen Essays zur Angst, mit denen dieses Buch beginnt, haben mich regelrecht gefangen genommen.
Wenn Preiwuß z.B. über den Tod ihres leiblichen und ihres Stiefvaters schreibt: „Beide Väter starben als Telefonat. Die Botschaft wurde durchgestellt, aber sie kam nicht an. Setzt so Erinnerung ein?“
Oder wenn sie über die Angst an sich schreibt: „Wir sind einander vertraut, aber sie ist mir überlegen, sie beherrscht mich.“ Und weiter: „Nur wenn ich schreibe, fällt sie vom Körper ab, wird steif und unbeweglich, so kann ich sie betrachten als Punkt, den ich mit jedem Wort ins Wasser werfe, sodass er unbeweglich wird, und dann präpariert in den Kasten lege, der sich Buch für Buch füllt.“

Viele der Texte in diesem Buch handeln von einer Traumatisierung, die einsetzt, wenn ein sehr nahestehender Mensch sehr plötzlich stirbt. Ich selbst habe das zweimal erlebt, als ich noch sehr jung war, deswegen setzen solche Passagen viel in Gang bei mir selbst.
Wenn Kerstin Preiwuß Denise Riley zitiert und ihre Formulierung der „Suddenly arrested time“, als einen Zustand beschreibt als etwas, in dem man abgeschnitten von diesem Fluss, den man gewohnt ist, und der Zeit erwartbar macht: „[…] du kriegst deine Dinge geregelt, dein Leben geht voran, aber du erlebst es nicht, du schaust es dir an, und das betrifft nicht nur die Außenwelt, aus der du dich zurückgezogen hast, sondern auch deine Innenwelt, auch die schaust du dir nur an, du hast dich verlassen, du bist von dir selbst verlassen, Monate, Jahr, Jahrzehnte nach einem Tod.“ Es ist merkwürdig auf einmal so ausformuliert zu lesen, was mir selbst geschehen ist, auf einmal zu begreifen, dass das was ich getan habe aus genau diesem Grund geschehen ist. In einem Seminar über expressives Schreiben habe ich mit einer Kollegin gesprochen, die ihren Vater früh und plötzlich verloren hat, ein Ereignis, das schließlich die ganze Familie nicht nur emotional sondern auch wirtschaftlich schwer getroffen hat. Sie erzählte mir, dass sie in den Jahren nach diesem Todesfall ständig extreme Situationen für sich gesucht und herbeigeführt habe, „um sich zu spüren“ wie sie sagte. Und mir wird klar, dass ich damals nach dem Tod meiner Mutter ein Drama nach dem anderen inszeniert habe, dass ich ständig provoziert habe, verlassen zu werden, das ist aus sehr ähnlichen Gründen geschehen.

Weniger gut haben mir die Texte zur Zeit der Pandemie gefallen, vielleicht weil ich das alles schon zu häufig gelesen habe, vielleicht weil ich mich gar nicht so gerne erinnern möchte an diese Zeit, wer weiß, allerdings habe ich auch das Gefühl, es ist dort das Schreiben von Kerstin Preiwuß einfach viel allgemeiner, weniger persönlich und das ist ja sehr legitim und vielen Kritiker:innen hat genau das gefallen. Jedenfalls holt sie mich wieder zurück als es um die Sozialisation in der DDR geht und um das Empfinden der Wendezeit als noch sehr junges Kind, sie war neun Jahre alt als „die Mauer fiel“. Als Fazit für mich bleibt: da schreibt eine sehr mutig und inspirierend über Angst.

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