Die Nachbarin

Unsere Nachbarin ist plötzlich verschwunden und bleibt es lange. Ich mag sie. Häufig wirft sie uns Bonbons und Schokolade aus ihrem Fenster. Es ist ein wenig wie bei den Karnevalsumzügen, die sich meine Mutter gerne im Fernsehen ansieht. Buntes Bonbonpapier das auf uns niederregnet und alle Kinder der Straße versammeln sich und lesen die Süßigkeiten auf, während die Nachbarin alles still von ihrem Fenster aus beobachtet. Es heißt, sie sei krank. Im Krankenhaus. „Können wir sie einmal besuchen?“, frage ich. Es ist ein besonderes Krankenhaus, sagt man mir, Kinder dürfen es nicht betreten. Und überhaupt braucht sie jetzt vor allem Ruhe.

Eines Tages ist sie endlich wieder da. Sie sieht aus wie immer. Und wieder nicht. Sie sieht gleichzeitig ganz anders aus. „Bist du wieder gesund?“, frage ich, und sie sagt: „Weißt du, ich bin verrückt. Das heilt man nicht so schnell.“ Sie fängt wieder an, uns Süßigkeiten auf die Straße zu werfen, aber sie schmecken nicht mehr. Irgendetwas hat sich verändert. Oder nur ich habe mich verändert. „Du wirst jetzt groß“, sagt meine Mutter, als ich es ihr erzähle.

Ich weiß nicht, warum ich jetzt daran denke. Schließlich ist das alles niemals passiert.

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