Ich habe mir ein Vierteljahrhundert Münchner Reden zur Poesie bestellt. Heute ist das Buch angekommen und ich habe mit der Rede von Maria Stepanova begonnen, die chronologisch die vorletzte des Bandes ist. Stepanova denkt über den Raum und das Wesen eines Gedichtes nach, und inwiefern dieser durch eine Übersetzung verändert wird. Ob es mehr geben kann als die Kopie einer Kopie.
Sie zitiert zu diesem Zweck einen wenig übersetzten Dichter, Grigori Daschewski. Sie schreibt: „Seine eigenen, sehr einfachen, meist sehr kurzen Gedichte markieren einen Bereich von unruhiger Leere an den Bruchstellen der menschlichen Existenz, dort, wo eine noch nicht ins Bewusstsein getretene Frage gegen Ecken und Wände läuft, um ihre eigenen Umrisse zu erspüren, und keine Antwort findet, aber eine Art Fazit, die Zusammenfassung einer meist ziemlich hoffnungslosen Lage.“ Dieses Zitat ist eine sehr gute Beschreibung dessen, was mich an bestimmten Gedichten fasziniert, warum ich sie wieder und wieder lese, sie kommen mir nahe, es gelingt mir nie sie vollkommen zu ergründen. Aber sie beruhigen die unruhige Leere für einen Moment. Sie geben der Unruhe einen Raum. Stepanova: „Der Raum, der zwischen Dichterin und Leser entsteht, ist eine Art von Fiktion. Dieser erdachte Ort wird von der Dichterin nicht beschrieben. Er existiert außerhalb des Gedichts – ein Raum des anderen, wo Geisterstimmen und Leser sich begegnen können.“
Übrigens gibt es eine ausführliche Besprechung der sehr lesenswerten Rede von Maria Stepanova auf den signaturen.