(52)

Gestern bin ich am alten Ausgang der U Bahn ausgestiegen, weil der Weg kürzer ist. Sofort wurde ich daran erinnert, warum ich mir angewöhnt habe den anderen, etwas weiter von der Arbeitsstelle entfernten, Ausgang zu benutzen. Eine Traube Polizisten stand um einen sehr jungen Mann, eigentlich noch ein Kind, das sie an die Wand drückten. Nur wenige Meter weiter war ein Streit zwischen zwei Männern auf dem besten Weg handgreiflich zu werden, und schon hatten die ohnehin anwesenden Polizisten ihren nächsten Einsatz. Alles ist so nervös und gewalttätig geworden. Und auf der anderen Seite wird die Armut immer sichtbarer, nicht nur die üblichen Bettler, auch überall Lager von Menschen, die keine Unterkunft haben. Es ist bedrückend.

Aber kurz darauf im Büro muss ich dann doch einen kleinen Jubelschrei ausstoßen, als ich höre, dass Anne Carson den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Das letzte Mal habe ich mich so über eine Preisträgerin gefreut, als Hertha Müller ausgezeichnet wurde. Ich weiß noch was für eine Horizonterweiterung es war, das erste Mal ein Buch von Anne Carson zu lesen. Bei mir war das Decreation. Ich glaube, ich zumindest, brauche die Literatur, meine Begeisterung für kluge Schriftstellerinnen, um all das Herausfordernde im Zeitgeschehen und in meiner Stadt, weder auszublenden noch daran zu verzweifeln. Und Anne Carson ist eine Kraftquelle der besonderen Art.

4 Kommentare zu „(52)“

  1. @muetzenfalterin

    Ich musste gestern sehr an dich denken, als ich den Namen der Preisträgerin las. Dank dir hab ich Carson vor vielen Jahren kennengelernt. Ich glaube, du hast mir das Buch damals geschenkt.

    Ich mag die mehrdimensionalen Bilder, die sie in mir malt beim Lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert