Lesetagebuch „Notizen für John“ (6)

Der Himmel blau, weißmeliert durch Wolkenbänder. Der Magnolienbaum von der Sonne beschienen. Ich glaube es wird, zumindest wettermäßig, ein guter Tag.

Die Lektüre von Didions Notizen wirkt ein wenig wie eine Therapie. Es ist vermutlich gerade der Widerstand gegen den Therapeuten, von dem ich in einem früheren Beitrag schrieb, der hilfreich ist, der es mir ermöglicht Dinge zu erkennen. Und z.B. diese Frage zuzulassen: „Ist dies etwas, was mir geschieht, oder tue ich mir das selbst an?“ Eine Frage, die ich mir viel zu selten stelle. In eine sehr ähnliche Richtung geht es, wenn Didion ihrem Therapeuten antwortet: „Sie meinen, ich habe bisher nicht versucht, damit umzugehen, sondern darüber hinwegzukommen, das Positive zu sehen und weiterzumachen, mit dem Treck Richtung Westen?“ „Genau das meine ich“, antwortet ihr Therapeut.

Der Himmel ist immer noch strahlend blau und ich weiß wieder, dass nichts was wir einmal begriffen zu haben glaubten, für immer da ist, als jederzeit abrufbares Wissen. Vielmehr müssen wir uns wieder und wieder mit den belastenden Ereignissen und uns selbst auseinandersetzen, um wieder und wieder zu Einsichten zu gelangen. Nicht selten wird uns dann bewusst, dass wir das alles irgendwoher kennen, dass wir die Dinge, die uns jetzt als erhellend erscheinen, in einer besseren Zeit bereits gewusst haben. Es ist immer da, dieses Wissen, würde meine Therapeutin jetzt vielleicht sagen, wir verlieren nur manchmal den Zugang dazu.

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