Jetzt kann ich also diesen Satz sagen: ich habe eine Schwester, ich kann von meiner kleinen Schwester sprechen und es wird vielleicht irgendwann ebenso wahr und selbstverständlich wie zu erwähnen, dass ich Muskelkater habe oder meinen Kaffee morgens gern schwarz trinke.
Ich habe seit 50 Jahren eine kleine Schwester, ein halbes Jahrhundert lang, aber gesehen habe ich sie gestern zum ersten Mal in meinem Leben. Sehr spät erst habe ich angefangen meine leibliche Mutter zu suchen. Dabei war es nicht einmal besonders aufwändig und schwierig. Aber ich werde meine Gründe gehabt haben. Seit 3 ½ Monaten weiß ich, dass meine Mutter leider bereits vor 16 Jahren verstorben ist. Seit ca. 3 Monaten weiß ich, dass ich eine kleine Schwester (Halbschwester) habe. Ich habe lange gebraucht, um in mir eine Haltung zu etablieren, die mir nicht den Boden unter den Füßen weggezogen hätte, wenn sie keinen Kontakt zu mir hätte haben wollen. Denn natürlich lag das im Rahmen der Möglichkeiten. Ich wusste nicht, ob meine Mutter jemals über mich geredet hatte, ich wusste nicht, welches Verhältnis meine Schwester überhaupt zu ihr hatte. Ich wusste nur, es gibt diese kleine Schwester, und ich habe eine große Sehnsucht sie kennen zu lernen. Also habe ich viele Gespräche geführt, über meine Hoffnungen und meine Ängste, und dann habe ich gewartet. Und eines Tages war es so weit und ich habe mich hingesetzt und einen Brief an sie geschrieben. Dass ich möchte, dass sie weiß, dass es mich gibt und ich mich freuen würde, wenn wir einander einmal sehen. Am Sonntag habe ich den Brief in den Briefkasten geworfen und wirklich nichts empfunden außer Erleichterung, es endlich getan zu haben. Ich habe am Montag nicht an den Brief gedacht und auch gestern nicht, als es abends an der Tür klingelte und eine Frau dort stand, die ihren Namen nannte, den Namen meiner Schwester. Ein kurzes Gespräch, vielleicht eine Stunde lang, und mein Leben steht auf dem Kopf. Alles ist vollkommen anders, als ich es mir jemals vorgestellt hatte.
Ungeheuerliche Auswirkungen eines Briefes!
Ja, das stimmt. Das mit Abstand folgenreichste Schriftstück, das ich jemals verfasst habe.