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Deine Gedichte sind toll, schreibt F. zu den jahrealten Texten, die als Manuskript fast zwei Jahre schon beim Verlag liegen. Was du zur Geduld schreibst, ist so stark! schreibt J. Und irgendwie freue ich mich. Aber es ist eine theoretische Freude, sie kommt nicht wirklich dort an, wo ich sie als ermutigend spüren könnte.

Dauerregen. Kalt. Hier ein Satz und dort ein weiterer. Ich verzettle mich bereits beim Notieren. Aber ich bin ja trotzdem glücklich, dass es wenigstens diese Sätze gibt. Die einfach so kommen, vermutlich gerade weil ich loslassen konnte. Nicht total und voll und ganz, aber ein wenig. So viel, dass ich wieder Interesse aufbringen kann für die Sätze der anderen. Immerhin.

Zwei Eingangstüren auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen sperrangelweit auf. Die zwei jungen Monteure der Firma (deren Namen ich nicht nenne, die aber zuverlässig sehr zweifelhafte Arbeit leistet) pendeln von einem Haus zum anderen. Mit ernsten, angestrengten Gesichtern. Der Regen fällt unbeeindruckt.

Es ist Montag. Die Physiotherapeutin versucht meine Schulter zu reparieren. Die Woche beginnt mit Regen und Reparaturen.

Man braucht ja einen Sinn, sagte T. vor einigen Wochen. Er sagte es, nachdem er um die Weihnachtszeit herum, einen Herzstillstand nur knapp überlebt hatte, weil zufällig kompetente Menschen dort waren, wo er zusammenbracht, und das Richtige getan und damit sein Leben gerettet hatten. Aber jetzt stand er da, durchaus dankbar für sein gerettetes Leben, aber auch orientierungslos. Die Tatsache, dass er genauso gut hätte sterben können, erschütterte den Boden, auf dem er bislang mehr gut als schlecht gegangen war. Manchmal schrieb er zornige Gedichte. Danach buchte er einen Flug nach Australien. Seitdem haben wir nichts von ihm gehört.

4 Kommentare zu „(26)

  1. @muetzenfalterin

    Deine Texte sind zuweilen wie beim Lesen heranwachsende Bäume, aus denen immer wieder neue überraschende Äste wachsen, die erst bei näherer Betrachtung als Teile des Baumes erkannt und verstanden werden.

    Ich freue mich, dass du das Loslassen übst.

  2. Gerade schrieb ich eine Mail an eine Freundin, in der es um meine ewigen Zweifel in Bezug auf mein Schreiben ging. Die Freude über Kommentare – wie heute auch von dir – ist da und doch kommt sie eben nicht wirklich dort an, wo sie hingehört, was ich traurig finde. So viele Runden haben wir schon gedreht um uns aufzurichten. Vielleicht zählt nur eins, dass du und ich weiterschreiben, weil wir es ‚müssen‘. Auch darüber schreibt Siri Hustvedet in ‚Ghost Stories‘ und das war ein Trost.

    1. Ich habe die Ghost stories auch gelesen, wirklich gepackt haben sie mich nicht. Zur Trauer finde ich Joan Didion unübertroffen. Sowohl magisches Denken als auch blaue Stunden, sind für mich Meisterwerke in der Auseinandersetzung mit Trauer. Und ja, vermutlich hast du Recht, wir müssen einfach immer weiterschreiben. Und endlich lernen, an uns selbst zu glauben, uns zu vertrauen. Vielen Dank für deine Gedanken.

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