„Während der ersten Zeit im Heim war es dem Mädchen so vorgekommen, als versuche es, in ein Wasser einzutauchen.“ [Jenny Erpenbeck]

Sie steht da, zitternd, der Badeanzug ist zu groß, er wirft Wellen um ihren Körper herum. Sie erinnert sich, sie erinnert sich an frühere Begegnungen mit dem Wasser. Sie erinnert sich, wie ihr Cousin einmal fast untergegangen ist. Wie alle am Ufer standen und mit offenen Mündern und fassungslos zusahen, wie sein Kopf versank, wieder auftauchte, versank. Seine Mutter schrie. Die anderen schwiegen. Er wurde gerettet, ein anderer Badegast barg ihn und brachte ihn zurück ans Ufer. Das Mädchen hatte lange nicht mehr an diese Szene gedacht. Aber jetzt, als es hier steht und sieht wie alle fröhlich im Wasser planschen, während es selbst kaum bis zu den Knien ins Becken gehen kann. Welche Überwindung es sie kostet, kann niemand nachvollziehen. Ohnehin will hier niemand nachvollziehen, was dem Mädchen welchen Preis abverlangt. Jede und jeder hat hier seine eigene Geschichte. Und keine davon wiegt leicht oder schwebt über dem Wasser. Alle sind schwer und eigentlich nicht teilbar. Außer vielleicht mit dem Wasser und so versucht sie tapfer ein weiteres Mal ins Wasser einzutauchen.

5 Gedanken zu „„Während der ersten Zeit im Heim war es dem Mädchen so vorgekommen, als versuche es, in ein Wasser einzutauchen.“ [Jenny Erpenbeck]

  1. @muetzenfalterin

    Niemand sieht all die Preise, die traumatisierte Menschen zahlen.

    Danke für diese bewegende Geschichte.

  2. Jenny Erpenbeck hat sich in meinen Augen als Schrifstellerin mit Kairos disqualifiziert. Wie sie da mit der DDR-Diktatur sympathisiert bzw. sie verharmlost – ja sie hat davon über ihre Familie profitiert – ist unerträglich. Da wird mir speiübel. Und die Geschichte ist unglaubwürdig bzw. nicht nachvollziehbar. Was findet die junge Ich-Erzählerin an diesem alten Sadisten-Sack, der natürlich niemals seine Frau für sie verlassen würde. Das ist kranke Literatur. Just my 2 cents.

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