Michael Krüger

Am Montag war Michael Krüger in Bielefeld. Die Veranstaltung begann damit, dass wir auf ihn warten mussten, weil er das Wagnis unternommen hatte mit der Deutschen Bahn zu fahren. Gesprächsstoff genug für die halbe Stunde Wartezeit. Wobei jede und jeder nur dem anderen bestätigt, dass in Sachen Infrastruktur Deutschland sich längst zu einem Entwicklungsland degeneriert ist. Dann war er da und begann zu erzählen, von seiner Kindheit in Sachsen, vom Leben beim Großvater, vom Hunger nach dem Krieg, davon dass es lediglich zwei Bücher gab: die Bibel und ein Pflanzenbestimmungsbuch. Er hätte ewig weiter erzählen können und ich hätte ewig zuhören mögen, aber leider hat ihn der Veranstalter W. Braungart unterbrochen, der unbedingt seiner Profession Gedichte zu zerpflücken nachgehen wollte. Und so wurde dann also über ein Gedicht von Krüger gesprochen. Wobei Michael Krüger immer wieder wenn der Ball zu ihm zurückflog vermieden hat den Interpretationen beizupflichten oder sie zu widerlegen, sondern erzählt hat, von dem Moment in dem das Gedicht geschah, von seinem Verhältnis zu Vögeln, vom Fischer in seinem Dorf. Es hätte ein so schöner Abend werden können, wenn nicht immer wieder das Publikum alles zerstört hätte mit Erwägungen darüber, ob es richtig ist, einen Vogel zu bestatten, oder ob das nicht viel eher ein Eingriff in die Natur ist. Wobei selbst diese Frage interessant hätte sein können, wenn man sie mit Herrn Krüger diskutiert hätte. Jedenfalls habe ich verstanden, dass es offenbar zwei Gruppen von Leser:innen gibt, diejenigen, die sich begeistern lassen von der Literatur, die sich verlieren in einem Gedicht, und die anderen, die es wie ein Chirurg mit dem Skalpell in seine Bestandteile zerlegen. Herr Krüger gehört definitiv zur ersten Sorte und ich hätte mir gewünscht länger an dieser Leidenschaft teilhaben zu dürfen, die immer wieder von den zahlreich anwesenden Chirurgen unterbrochen wurde.

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