Die Schmerzen, die vor nichts zurückschrecken. Die Berechtigung zum Handeln, die du dir selbst entziehst. Alles mündet in der Unentschlossenheit, die neue Sprache zu lernen, die die längst nicht mehr gesprochene (nur in deiner Erinnerung wütende) Sprache ersetzen könnte. Es gibt sie. Jeder spricht sie. Nur du weigerst dich zu verstehen. Als würde die Unmöglichkeit, etwas zurückzuholen automatisch bedeuten, keinen neuen Anfang mehr machen zu können. Niemals. Vielmehr immer nur sterben zu können, ohne jemals vom Tod erlöst zu werden. Diese unfruchtbaren Gedanken, die nur dick machen. Träge und unleidlich. Die ein Gesicht ausradieren, ohne ein neues entstehen zu lassen.
Ob Neues nur geschehen und kommen kann, wenn es etwas Altes zu ersetzen gibt?
Eine Frage, die bei mir unweigerlich auftauchte, als ich deinen schmerzenden Text las.
So radikal vielleicht nicht, aber ich denke schon, dass wir etwas loslassen müssen, um etwas Neues überhaupt erkennen zu können, um Veränderung zulassen zu können.
Leiden – ein neuer Anfang ist trotzdem möglich
Liebe Mützenfalterin,
Ihr Text berührt eine schwierige Grenze: zwischen dem Schmerz, den ein Mensch nicht einfach abschütteln kann, und der Möglichkeit, trotzdem wieder handlungsfähig zu werden.
Besonders stark finde ich Ihren Gedanken, dass die Vergangenheit nicht zurückgeholt werden kann. Aber aus der Irreversibilität der Vergangenheit folgt logisch nicht die Irreversibilität der Zukunft. Was geschehen ist, bleibt geschehen – doch welche Bedeutung wir ihm geben und welche Schritte daraus folgen, ist nicht vollständig vorbestimmt.
Auch wissenschaftlich ist es wichtig, Leiden nicht mit persönlichem Versagen gleichzusetzen. Die WHO versteht psychische Gesundheit als einen Zustand des Wohlbefindens, der Menschen befähigt, mit den Belastungen des Lebens umzugehen, ihre Fähigkeiten zu entfalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zugleich weist sie darauf hin, dass soziale Beziehungen, sichere Lebensbedingungen und Unterstützung wichtige Schutzfaktoren sein können. (Weltgesundheitsorganisation)
Damit bekommt auch Ihr Bild von der „neuen Sprache“ eine besondere Bedeutung: Manchmal besteht Heilung nicht darin, die alte Sprache der Erinnerung vollständig auszulöschen, sondern darin, eine neue Sprache für das eigene Leben zu finden.
Philosophisch könnte man sagen: Der Mensch ist kein abgeschlossenes Ergebnis, sondern ein Werden.
Mathematisch gesprochen: Aus einem bekannten Anfangswert lässt sich nicht jede zukünftige Entwicklung eindeutig bestimmen, wenn weitere Variablen hinzukommen. Begegnung, Entscheidung, Zeit, Hilfe und Hoffnung können solche Variablen sein.
Und ethisch gibt es eine Grenze, die niemals überschritten werden darf: Der leidende Mensch darf nicht auf sein Leiden reduziert werden. Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beginnt deshalb mit der gleichen Würde aller Menschen; Artikel 3 schützt Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. (Vereinte Nationen)
Auch religiös lässt sich daraus ein stiller, aber wichtiger Gedanke gewinnen: Ein neuer Anfang verlangt nicht, dass der Mensch seine Vergangenheit verleugnet. Vergebung bedeutet nicht, dass nichts geschehen wäre. Hoffnung bedeutet nicht, dass der Schmerz unwirklich wäre. Beides bedeutet vielmehr, dass der Schmerz nicht das letzte Wort behalten muss.
Ihr „Niemals“ würde ich deshalb nicht als Ende lesen, sondern als Widerspruch gegen die vermeintliche Endgültigkeit des Leidens.
Vielleicht muss man das alte Gesicht nicht ausradieren.
Vielleicht darf es Spuren tragen.
Und vielleicht entsteht gerade daraus ein neues Gesicht – nicht trotz der Vergangenheit, sondern mit ihr, aber nicht mehr von ihr beherrscht.
Herzliche Grüße
H.Gamma
Ganz herzlichen Dank für diese wertvolle und sehr differenzierte Auseinandersetzung mit meinen Zeilen. Ich empfinde das als sehr bereichernd.