„Am Anfang war der Regen.“ [Valeria Narbikova]

Sie ist besessen von Reihenfolgen. Bei ihr gibt es nichts, das nicht zunächst geordnet und in Reihenfolgen gepresst wird. Also muss auch das Wetter einer Reihenfolge gehorchen. Und, hat sie entschieden, den Anfang macht der Regen. „Warum?“, frage ich sie. Sie lacht mich an, zuckt mit den Schultern, sagt: „Vielleicht wegen der Sintflut?“ „Verstehe ich nicht“, sage ich und sie wird etwas ernster. Wir schweigen eine Weile. „Warum überhaupt immer diese Reihenfolgen?“, frage ich. „Warum muss immer einer den Anfang machen, warum nicht einfach alle zusammen?“ Sie zögert, sie bleibt sogar kurz stehen, ich sehe förmlich wie sie nachdenkt. „Ja,“ sagt sie, „du hast Recht, ist eigentlich viel schöner, dann gibt es sogar einen Regenbogen, wenn Regen und Sonne gleichzeitig da sind.“ Sie macht eine Pause. Vermutlich, damit ich meinen kurzen und nur vermeintlichen Sieg ein wenig auskosten kann. „Aber“, sagt sie dann, „am Anfang war der Regen. Dann erst kam die Sonne dazu.“

3 Gedanken zu „„Am Anfang war der Regen.“ [Valeria Narbikova]

  1. Liebe Elke, eigentlich wollte ich nicht mehr direkt zu oder nach Texten von dir kommentieren. Irgendwie – fühlte es sich unerwünscht an. Aber heute! Einfach nur kurz, denn der Regen hat mich ‚getroffen‘, habe mich schon in der Nacht am Geräusch der gleichmäßigen, ruhigen Tropfen gefreut und es kehrte Ruhe ein.
    Regen.
    Und zum Sammeln, Sortieren, Einordnen, REihenfolgen festlegen … Ich gehe das auch häufig an, ich glaube, in der stillen Hoffnung, dass Ich und Text Erleben transparenter werden. – Da ich aber so gut wie immer nur zu Anfängen komme … dann kommt mir das Nächste in die Gedanken, unter die Finger … scheint es nicht „meins“ zu sein???
    Den Anfang machen bei zwei Schreibenden zu einem Thema oder Stichwort erinnert mich mit seinem Gestockere auch an andere ‚ich fang an‘ ’nein du‘ usw. (wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht o. ä., wo man sich dann auf die Jüngste, die älteste oder die Spielerin mit der ersten Sechs einigt)
    Wenn in jedem Anfang ein Zauber innewohne, wie Hermann Hesse schreibt, so scheint mir und ähnlich Gepolten eher in einem Anfang ein schwerwiegendes Kreuz zu liegen …

    1. Ah, interessant, du erweiterst die Idee der Reihenfolgen um einen weiteren Aspekt. Es gibt auch Reihenfolgen unter Menschen, natürlich. Obwohl das noch einmal eine ganz andere Geschichte ist. Vielleicht nehme ich ein Zitat aus deiner Antwort und webe dazu eine Geschichte, die sich mit diesem Punkt beschäftigt.

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