Lesetagebuch “Rebellion der Liebenden” (7)

Durch andere Formen der Zugehörigkeit und durch meine eigene Migrationsgeschichte habe ich ein aus mir selbst gewachsenes Vertrauen in die Lesbarkeit eines Lebens, das mich mit jeder Störung, mit jedem Schmerz, mit jeder Reibung in ein inneres Werden bringt, mir zeigt, das dort das Rettende ist, wo meine Selbstwerdung die falsche Scham überwindet, nicht der Mensch zu sein, den andere in mir suchen.

Scham. Auch so ein Stichwort über das ich Romane schreiben könnte. Dieses Gefühl, nicht richtig zu sein, nicht zu genügen. Dabei geht es bei mir scheinbar nicht allein um die Erwartungen anderer, sondern um meine eigenen. Oder vielleicht ist das der Schritt, des bereits ein wenig weiter auf sich selbst zugehens, zu erkennen, dass es häufig gar nicht die Erwartungen anderer sind, sondern das, was ich glaube, dass es erwartet wird. Überhaupt Erwartungen. Die ja immer eher Zäune aufrichten, Grenzen ziehen, nur das sehen können, was in dieser kleinen Perspektive sichtbar wird, und sei es, weil es die Erwartungen enttäuscht. Enttäuscht. In diesem Wort steckt bereits das ganze Geheimnis. Die Täuschung wird aufgehoben, das, was ich in einem anderen oder in mir selbst glaubte sehen zu können, sehen zu wollen, wird als Täuschung entlarvt. Mein Blick wird befreit von diesem falschen Bild, und damit erhalte ich die Möglichkeit, die Freiheit, zu sehen, was wirklich dort ist. Manchmal machen mich Einsichten wie diese traurig, weil ich realisiere, wie häufig ich selbst mir den Blick verstellt habe, wie wenig ich manche Menschen erkannt habe, weil ich alles zugepflastert hatte mit Erwartungen. 

(Hervorhebung von mir, weil besonders dieser Teil des Satzes zu mir gesprochen hat)

5 thoughts on “Lesetagebuch “Rebellion der Liebenden” (7)

  1. ich meditierte noch über deinen letzten Text.Manchmal, undso war es gestern, begleiten mich ein Text wie dieser über den ganzen Tag.
    Kreise nicht deformieren ,darüber dachte ich lange nach und denke noch

    Scham: auf mich selbst bezogen, kenne ich das sehr gut. Erwartungen nicht erfüllen können, eigene Erwartungen nicht erfüllen können. Aber ich frage mich immer öfter, ob es nicht allein darum geht zum Kern vorzudringen. Da wo Schmerz ist und Trauer, es als Werdenschmerz akzeptieren.
    Noch einmal zur Scham: bei Anderen bin ich gnädiger. Manchmal packe ich Menschen in Schubladen, manchmal gelingt es mir, sie dort wieder rauszuholen, zuzuhören, vorurteilsfrei.
    Meist entsteht an diesen Punkten wirkliche Begegnung

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