Oktober 2023

Seit die Oberfläche meines Gesichts nicht mehr glatt ist, rutschen die Blicke auf ihr aus. Die Fliege, der ich im Bad das Fenster aufgemacht habe, wartet bis ich wiederkomme, um das Fenster erneut zu schließen, bevor sie hinausfliegt.

Jedes Mal, wenn etwas anfängt, hört etwas anderes auf. Selbst in Extremsituationen wie Geburt und Tod. Man konzentriert sich so sehr auf das eine, dass man das andere nicht wahrnimmt. Aber es ist da.

Ich lasse mich verletzen und dann leide ich. Dann will ich nicht mehr leiden und gehe einfach über alles (also über mich) hinweg und mache weiter. Aber es gibt kein weiter. Es gibt nur mich und mein Spiegelbild, das mich nicht länger ansehen mag. Dem die Angst und die Traurigkeit in den Augen steckt, so sehr, dass diese Augen sonst nichts mehr sehen.

Olga Martynovas Trauerbuch gefunden. Wenn man die Trauer nicht überwinden kann, muss man lernen mit der Trauer zu leben.

Lernen das zu tun, was ich für Überflüssig halte, mich aufhalten bei Dingen, die nicht sofort zu etwas führen. Mir erlauben, mich zu entwickeln.

In Martynovas Buch finde ich den Satz zu meinen Überlegungen, die ich nachmittags im Büro versucht habe, aufzuschreiben: „Was ich durchlebe: meine Trauer oder Olegs Tod? Egoismus oder Empathie? Kann man das trennen?“

Eva Karnofsky auf SWR 2 über Olga Martynovas „Gespräche über die Trauer“. Wie man ein derartiges Buch über einen existentiellen Prozess, als „stellenweise nützlich“ bezeichnen kann, verursacht Verständnislosigkeit bei mir. Dieses Buch ist eine Auseinandersetzung, kein Ratgeber. Dieses Buch ist ein Gespräch, mit anderen Dichtern, Denkerinnen, Menschen, die diese schmerzhafte Erfahrung gemacht haben.

2 thoughts on “Oktober 2023

  1. „Lernen das zu tun, was ich für überflüssig halte, mich aufhalten bei Dingen, die nicht sofort zu etwas führen. Mir erlauben, mich zu entwickeln.” – Das scheint mir ein gutes Programm.
    Es gibt auch ein Trauerbuch von Elke Naters, Alles ist gut, bis es das dann nicht mehr ist, doch jetzt, wo ich Dir das schreibe, bin ich nicht sicher, ob Du nicht vielleicht längst darüber geschrieben hast.

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